
Ich bin geheilt. Du kannst das auch.“ Und irgendwo zwischen Hoffnung
und innerem Augenrollen sitzt du da und denkst: Ja klar. Warum auch nicht. Kurz fühlt es sich nach Hoffnung an. Und dann eher nach, okay… aber dann mach ich wohl wieder irgendwas falsch. Schließlich bin ich schon lange beim Recovery-Game am Start. Level: Vergleich dich mit allen. Endgegner: dein eigenes Nervensystem.
Hoffnung auf den ersten Blick. Druck beim zweiten Blick.
Und vielleicht hast du auch gar nicht gedacht: Oh wie schön, Hoffnung! Sondern eher das ist doch alles sowieso nur Bullshit.
Weil du dich so sehr anstrengst. Weil du so verzweifelt suchst. Weil du wirklich alles gibst, was dein Energielevel hergibt und trotzdem nicht da landest, wo andere angeblich schon Yoga machen, arbeiten und ihr „neues Leben“ feiern. Wenn dich Recovery-Stories nicht motivieren, sondern innerlich eher müde machen, wenn sie dein Nervensystem in Spannung bringen, statt dir Ruhe zu schenken, dann bist du nicht zu negativ. Und ganz sicher nicht zu wenig spirituell oder denkst zu wenig positiv. Nein, dann reagiert dein Körper schlicht und ergreifend einfach sehr logisch auf ein Versprechen, das viel mehr Druck erzeugt als Entlastung. Ein Versprechen, das bei dir ein ungutes Bauchgefühl auslöst, weil du innerlich genau weißt, dass es nicht so „easy going“ funktionieren kann. Und es auch schon oft genug so erlebt hast.

Klar. „Heilung“ klingt erstmal verdammt gut. Ein Versprechen. Ein Fünkchen Hoffnung. Endlich raus aus diesem anstrengenden und frustrierenden ME/CFS-Drama. Ein bombensicherer Exitplan. So nach dem Motto: Wenn ich alles richtig mache, komme ich da garantiert wieder raus. Und genau da fängt dann leider auch der Erfolgs- und Umsetzungsdruck an. Und die Sache hat auch einen Haken, weil dein System nicht nach einem Plan funktioniert. Dazu ist es einfach zu komplex.
Und ja, ich hatte so einen Moment auch. Nicht durch irgendeine „Random“ Recovery-Story. Die waren damals rar gesät bzw. gar nicht vorhanden. Genauso wie das Internet. Bei mir war es ein Buch über das Thema Haarmineralien-Analyse. Ein für mich neuer und spannender Ansatz. Mineralstoffungleich-gewichte, die in der Haarmineralienanalyse sichtbar wurden, auszugleichen und über die optimierte Ernährungsweise wieder ins Gleichgewicht kommen und den Energielevel zu erhöhen. Klang gut. Also habe ich das natürlich gemacht. Streng nach Plan. Wirklich sehr streng. Ich habe mich exakt daran gehalten. Nichts weggelassen. Nichts „frei interpretiert“. Team Streber.
Und am Anfang hat es auch wirklich sehr gut funktioniert. Mehr Energie.
Keine Muskelschmerzen mehr. Viel mehr Ruhe im Körper. Ich sah nicht mehr aus wie eine Leiche auf Urlaub. Figur technische „Problemzonen“ einfach verschwunden. Ich konnte wieder alleine einkaufen gehen. Wahnsinn. Jackpot! Mineralien wieder im Gleichgewicht? Schein zu funktionieren. Aber was ich zu dem Zeitpunkt nicht auf dem Schirm hatte, ich hatte durch den Ernährungs-Plan ganz nebenbei komplett auf Gluten verzichtet. Ohne es wirklich zu bemerken. Irgendwann wurde mir der Speiseplan aber etwas zu langweilig und eintönig. Und dann kam der Moment, wo ich glutenhaltige Getreide wieder in meine Ernährung integriert habe. Waren ja laut Plan erlaubt. Also ganz ohne böse Absicht, ganz unbewusst wieder gegessen. Und mein Körper war alles andere als erfreut. Nein! Komplett zurück auf Anfang. Und ich? Habe natürlich nicht auf dem Schirm gehabt, dass der Plan auch seine Schwächen hat. Das mein Körper vielleicht mit manchen Nahrungsmitteln nicht so gut klarkommt.
„Toll. Wieder verkackt.“ „Du kannst es einfach nicht.“ „Dir kann keiner helfen.“ „Du sabotierst dich dauernd selbst.“
Und weil es mir wirklich wieder so viel schlechter ging, habe ich noch mehr versucht, alles zu 100 % perfekt zu machen. Noch genauer auf den Plan geachtet. Noch mehr kontrolliert. Und natürlich ständig mit dem Institut telefoniert. Auf der Suche nach dem einen Fehler. (Spoiler: Ich war der Fehler.) Ich habe mich da richtig reingesteigert. Und meinen Körper auch extrem hart verurteilt. Einmal komplett durchgespielt: Hoffnung, Umsetzung, Crash… und am Ende einfach nur noch: egal. Hat wieder nicht funktioniert…..
Genau an dieser Stelle wird es dann oft so richtig toxisch. Und genau da dreht sich das Ganze dann auch gegen dich. „Ich bin wieder der Fehler im System“.
Plötzlich ist nicht mehr „nur“ die ME/CFS-Erkrankung das Hauptproblem. Nicht die individuelle Belastbarkeit. Nicht die Erschöpfung. Nicht dein dysreguliertes Nervensystem, das längst schon auf Daueralarm steht.
Sondern: du. Ja, du allein.
Du hast noch nicht die richtige Therapie gefunden. Du hast nicht konsequent genug umgesetzt. Du warst einfach nicht diszipliniert genug. Nicht positiv genug.
Nicht geduldig genug. Nicht spirituell genug. Nicht irgendwas genug.
Und genau darum finde ich das Wort Heilung bei ME/CFS so problematisch. Warum?
Weil es still und leise ein Leistungsprinzip transportiert, in einem Zustand, in dem Leistung oft das Letzte ist, was noch verfügbar ist. ME/CFS-Recovery funktioniert nicht nach dem Prinzip mehr Einsatz = mehr Ergebnis. Eher das Gegenteil davon. Tiny Steps only. Und schon gar nicht One-size-fits-all.
Eines ist für mich sicher, dass wir alle aus dem Team ME/CFS längst alles gegeben haben. Wir sind nicht Team Komfortzone. Definitiv nicht. Wir geben zu oft nicht nur das, was da ist. Sondern auch das, was eigentlich für morgen gedacht war. Weil dieser eine Gedanke so laut ist und in Dauerschleife läuft. Vielleicht geht in Zukunft ja doch ein bisschen mehr…wenn ich es richtig mache und alles gebe.
Und genau da passiert es dann sehr oft. Du gehst drüber. Du überziehst deine Leistungsgrenzen. Du überziehst deinen Energiedispo. Obwohl du es eigentlich besser weißt bzw. die Folgen schon oft schmerzlich erfahren musstest. Lieber einen Crash in Kauf nehmen, als diese eine Möglichkeit auf ein „normales“ Leben verstreichen zu lassen. Total verständlich. Aber du landest trotzdem wieder im Crash. Der ME/CFS-Klassiker.
Tja. Dumm gelaufen. Krone richten. Und immer wieder nochmal von vorne.
Und dann meldet sich auch sehr schnell wieder dieser innere Recovery-Coach. Du weißt schon. Der, der immer noch einen Tipp hat. Da geht noch mehr. Du musst es nur richtig wollen. Stell dich nicht so an. Raus aus der Komfortzone. Noch ein bisschen mehr Disziplin. Klar. Genau.
Der ME/CFS-Recovery-Bootcamp-Modus. Für ein ohnehin überfordertes System vor allem eines – purer Druck.
Bei jeder neuen Recovery-Story, einem neuen Buch, einer neuen Therapie-Methode, war ich immer sofort „on fire“. Adrenalin. Hoffnung. Motivation. Und im Kopf sofort einen Recovery-Erfolgs-Plan zur perfekten Umsetzung. Das ist es. Jetzt hab ich es endlich gecheckt. Jetzt wird alles gut. Strike!
Keine 24 Stunden später war ich innerlich schon im Projektmanagement-Modus:
Was bestellen?
Was umstellen?
Was kombinieren?
Was darf ich auf keinen Fall falsch machen?
Aus Hoffnung wurde dann schnell extreme innere Unruhe und Über-Motiviertheit. Aus Zuversicht schlechtes Gewissen beim Ausruhen. Denn wer Hoffnung oder eine Chance hat, darf ja nicht einfach liegen bleiben, oder? Der Absturz kam zuverlässig. Nicht beim ersten Versuch. Sondern nach dem x-ten. Nach dem nächsten Crash. Nach investierter Energie. Nach investiertem Geld. Nach der bitteren und sehr schmerzhaften Erkenntnis: Schon wieder keine positive Veränderung. Pech gehabt. Wieder die A……karte gezogen.
Und dann kam sie, diese fiese kleine innere Stimme….
Andere schaffen das doch auch. Du bist doch eigentlich nicht wirklich krank.
Dann müssten die Therapien ja helfen und funktionieren. Bei dir ist wahrscheinlich einfach Hopfen und Malz verloren. Vielleicht willst du gar nicht wirklich gesund werden. Sekundärer Krankheitsgewinn lässt grüßen. Raus aus der Komfortzone, Michaela. Recovery-FOMO vom Feinsten. Also Augen zu und durch. Noch mehr lesen. Noch mehr Videos. Noch mehr Podcasts.
Und dann kam nach vielen Jahren eines fast „normalen“ Lebens ganz überraschend Post Vac. Und ich so. Ja klar. Warum auch nicht.
Nochmal komplett zurück auf Anfang. Wer würde sich das nicht wünschen. Bonuslevel ME/CFS. Ehrenrunde. Sie dürfen nochmal wiederholen.
Und das hat mich dann wirklich komplett kalt erwischt. Ich war komplett im Panikmodus. Warum passiert mir das schon wieder? Was, wenn ich hier jetzt nie mehr rauskomme? Was, wenn das jetzt mein neues Normal ist? Ich habe versucht, so zu tun, als wäre ich nicht wieder im ME/CFS-Low-Level-Modus.
Funktionieren. Durchziehen. Lösung suchen, umsetzen bis der Arzt kommt.
Spoiler: Der kam nicht. Aber die Erschöpfung. Der Crash.
Ayurveda hat mir an diesem Punkt auch keine Lösung auf dem Silbertablett geliefert. Ich wäre auch nicht offen dafür gewesen. Im Panikmodus. No way! Punkt. Und mein Problem war im Rückblick nie, dass ich zu wenig Hoffnung hatte. Nicht genug Wissen und Informationen hatte. Durch meine Ausbildungen hatte ich mehr als genug davon. Es war auch nicht so, dass ich nicht positiv genug gedacht habe. Negative Erwartungen hatte. Zuviel Angst hatte. Das Problem war, dass Hoffnung bei mir direkt in Leistungs- und Erfolgsdruck umgeschlagen ist. Und Druck ist kein Zustand, in dem ein Nervensystem sich regulieren kann. Druck ist Überlebensmodus. Und da findet keine Recovery statt. Egal, welche Therapie oder Strategie du verfolgst.
Real-Talk: Vergleichen bringt nichts. Copy-Paste auch nicht.
Das eigentlich Problem sind nicht die Recovery-Storys an sich. Sondern die Idee dahinter, dass du sie einfach so kopieren kannst und sie auch für dich genau passen. Schöne Idee. Aber dein Körper ist kein Copy-Paste-Projekt. Und für Recovery gibt es auch keinen einen ultimativen Plan, den du nur exakt genug umsetzen musst und dann wird alles gut. Es gibt vor allem keinen Plan, der für alle gleich funktioniert und easy umsetzbar ist. Mehr hilft hier nicht automatisch mehr.
Und manchmal ist genau das, was bei jemand anderem funktioniert hat, für dein System einfach eine richtig schlechte Idee. Nicht nur „bringt nichts“. Sondern eher, geht komplett nach hinten los. Weil du eben nie die ganze Story der Person kennst. Du siehst nur das Ergebnis. Nicht den kompletten Weg dahin. Nicht das, was davor war. Nicht die Dinge, die gemacht wurden aber nicht mit der Recovery in Zusammenhang gebracht wurden. Nicht das, was sie vielleicht alles nicht gemacht hat. Und dann versuchst du, genau das zu kopieren und dein Körper so „Interessanter Ansatz. Passt aber nicht zu uns. Wird trotzdem nichts.“ One-size-fits-all? Funktioniert bei ME/CFS ungefähr so gut wie ein Ernährungsplan aus dem Internet für alle. Also gar nicht.
Und ich könnte jetzt am Ende dieses Artikels durchaus sagen: „Ayurveda hat mich gesund gemacht.“
Klingt gut. Ist nur nicht die ganze Wahrheit. Davor war schon so ….. einiges.
Bachblüten. Delilah-Essenzen, Homöopathie. Nosoden. NEM. Sauerstoff- therapien. Eigenbluttherapie. Colon-Hydro-Therapie, Bioelektronische Terrainanalyse, Darmreinigung nach Robert Gray, F. X. Mayr-Kur, Vollblut-analysen, Haarmineralienanalysen, Rotations-Diät, Detox-Kuren, ortho-molekulare Therapie, Nahrungsmittelallergietest, Ernährungsumstellungen wie z. B. Metabolic-Typing Synergie System, Fit for Life, tierweissfreie Ernährung nach Dr. Bruker. Nur Rohkost. Nur gekocht. Makrobiotische Ernährung. Gluten raus. Milch raus. Bioresonanz, Elektro-Akupunktur.
Und irgendwo dazwischen noch gefühlt zehn andere Dinge, an die ich mich heute nicht mal mehr erinnere. Und dann kam Ayurveda. Und plötzlich hat es Klick gemacht. Aber ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung, ob das auch funktioniert hätte, wenn all das davor nicht gewesen wäre. Oder ob genau diese Mischung am Ende den Unterschied gemacht hat. Und genau das ist der Punkt. Du siehst immer nur das Ergebnis. Nie das komplette Puzzle.
Kurz gesagt, ich hab so ziemlich alles ausprobiert, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Aber es hat am Ende funktioniert. Und nur das ist wichtig.
Und bei Recovery-Storys gilt für mich: Die Dosis macht das Gift. Zu viel davon und dein System dreht durch. Und du schießt dir damit dann eher ins Knie.
Und ja, ich verstehe das total. ME/CFS ist kein Ort, an dem man freiwillig länger bleiben möchte. Da willst du einfach nur schnell wieder raus. Und aus diesem Grund probiert man natürlich auch alles, was irgendwie nach Hoffnung auf Recovery aussieht. Das Problem daran ist nur, zu viel auf einmal ist meistens so gut wie gar nichts richtig gemacht. Und manche Therapien wirken halt auch nicht schon nach drei Tagen und einem guten Gefühl. Sondern eher… nicht so spektakulär wie erwartet. Langsamer und nachhaltiger. Ungeduld ist hier also durchaus verständlich und nachvollziehbar, aber trotzdem sehr hinderlich. Just saying.

Weißt du, was ich heute komplett anders sehe?
Dieses ganze „Ich finde jetzt die eine Lösung und dann wird alles gut“… hat mich unnötig unter Druck gesetzt und Energie gekostet. In der Realität sah das eher so aus: hoffen, durchziehen, Crash. Und dann ging das „Spiel“ immer wieder von vorne los. Und irgendwann sitzt du dann da und dir wird klar, egal wie sehr du dich auch bemühst, dein Körper hat da so gar keinen Bock drauf. Und das ist der springende Punkt. Dass es hier nicht darum geht, endlich alles richtig zu machen. Die eine „richtige“ Methode oder Therapie zu finden. Sondern eher darum, diesen inneren Dauerstressmodus zu beenden.
Dieses „ich muss das jetzt hinkriegen“. Rausgehen aus dem Vergleichsmodus. Raus aus dem Optimieren. Und wieder mehr dahin, was für dich gerade überhaupt möglich ist. Keine Heilung über Nacht. Für dich ohne Crash machbar. Nicht mehr ohne Rücksicht auf Verluste. Und dann zeigen sich oft die richtigen Dinge. Impulse kommen. Das Gespür für den eigenen Körper kommt zurück. Deine Intuition kann dich wieder führen. Und das kann dann viel eher ein echte Recovery-Gamechanger für dich sein.
Stopp. Noch eine Recovery- Methode? Lass bitte stecken.
Irgendwann ist man einfach durch mit diesem ganzen „Ich probiere jetzt noch DAS“. Noch eine Methode. Noch ein Versuch. Noch mehr Hoffnung ohne Happy End. Und dein System so – Reicht jetzt auch mal.
Genau dann bringt dir der nächste Plan, Therapie, Recovery-Story gar nichts mehr. Was fehlt, ist eher das Gegenteil. Genau dafür gibt es meine Cocoon-Talks. Kein neuer Ansatz. Kein Selbstoptimierungsprogramm. Sondern einfach mal runterfahren. Den Reset-Button drücken.
