Meine Baseline findet das übrigens auch ziemlich blöd. Spoiler: Das Kopfkino war meistens anstrengender als die eigentliche Aufgabe.

Jedes Jahr das gleiche Spiel: Ich habe meine Steuererklärung schon mehrere Wochen vor mir hergeschoben. Nicht, weil sie besonders kompliziert war oder ich sie zum ersten Mal machen musste. Ich kannte das Steuer-Game schon ganz genau.
Warum dann? Ganz einfach, weil mein ME/CFS-Gehirn schon längst das komplette Steuer-Katastrophenszenario für mich entworfen hatte. Finde ich alle Belege? Hoffentlich gibt es keine Fehlermeldung oder Technik-Kung fu. Hoffentlich kann ich mich lange genug konzentrieren. Hoffentlich kommt nichts dazwischen. Hoffentlich macht der Laptop mit. Hoffentlich …..
Und natürlich war ich mir auch ziemlich sicher, dass mich das Ganze mindestens einen halben Tag kosten und wahrscheinlich direkt in den nächsten Crash katapultieren würde. BTW war es eigentlich noch nie so gewesen. Und auch diesem Mal nicht. Denn als ich mich dann endlich aufgerafft habe, war ich nach ungefähr einer Stunde fertig. Keine Fehlermeldung. Keine Katastrophe. Kein Crash.
Mein erster Gedanke? „Wahnsinn. War ja gar nicht so schlimm.“
Meine Erleichterung war wirklich sehr groß. Ein richtiges Jackpotgefühl. Und mein Energie- und Gute-Laune-Level sofort höher. Der ganze innere Stress war plötzlich wie weggeblasen. Kleiner Fun Fact: Die Steuererklärung zu machen hatte mich gar nicht die meiste Energie gekostet. Es war das tägliche To-do-Kopfkino davor. Die inneren Widerstände. Die Angst vor meinem absoluten Endgegner.
Und auch dieses ständige „Ich müsste doch eigentlich noch …“
Ja, ganz offensichtlich war aber gar nicht die Steuer mein echter Endgegner. Sondern das Kopfkino, das ich wochenlang kostenlos dazugebucht hatte.
Ich dachte bis dahin immer, dass ich Dinge aufschiebe, weil ich Energie sparen muss. Ist ja auch kein falscher Gedanke bei ME/CFS. Pacing und Baselinemodus. Sehr sinnvoll und essenziell. Klar. Aber inzwischen habe ich wohl oder übel erkennen müssen, dass ich damit oft genau das Gegenteil erreicht habe. Nicht absichtlich, versteht sich von selbst. Der ME/CFS ist Akku begrenzt. Und genau deshalb kann ich es mir absolut nicht leisten, ständig zehn offene To-dos im Kopf spazieren zu tragen. Die laufen nämlich immer mit. Den ganzen Tag……

Ich frage mich deshalb heute nicht mehr nur, wieviel Energie mich die Erledigung einer Aufgabe kostet. Sondern auch, wie viel Energie es mich kostet, sie aufzuschieben.
Ganz ehrlich? Ich war jahrelang überzeugt davon, dass Aufschieben bei ME/CFS eine ziemlich clevere Energiesparstrategie ist. Und es auch keine wirklichen Alternativen gibt.
„Mache ich, wenn es mir besser geht.“ Kling auf den ersten Blick auch logisch.
Blöd nur, dass dieses „später“ bei ME/CFS schon etwas Druck aufbaut. Und die guten Tage nur sehr unzuverlässig kommen. Oder auch nur sehr kurze Momente sind. Und bis es dann endlich wieder mal so weit war, lief in meinem Kopf ungefähr Folgendes ab:
„Mist. Die E-Mail muss ich auch noch beantworten.“
„Nicht vergessen, das Rezept zu bestellen.“
„Die liebe Steuer wartet auch noch.“
„Eigentlich müsste ich auch noch kurz …“
Und jedes Mal der Gedanke: Nein. Lieber nicht machen. Ich muss Energie sparen.
Was ich dabei aber für lange Zeit völlig übersehen habe:
Ich lag zwar auf dem Sofa oder im Bett und ruhte mich körperlich aus. Aber mein Gehirn machte wieder ungefragt Überstunden und Kopfkino. Dieses ständige kleine Hintergrundrauschen. Dieses permanente:
„Ich müsste noch …“
Ich glaube, genau das hat mich oft mehr erschöpft, als ich wahrhaben wollte. Nicht, weil die Aufgaben so riesig waren. Sondern weil sie nie wirklich Pause gemacht haben. Sie liefen einfach immer mit. Beim Frühstück. Beim Ausruhen. Beim Podcast anhören. Beim Lesen. Beim Essen. Beim Einschlafen. Sogar dann, wenn ich eigentlich versucht habe, mich zu erholen.
Und irgendwann habe ich mir die Frage gestellt. Spare ich hier gerade wirklich Energie? Oder tausche ich fünf Minuten Aktivität gegen drei Tage Kopfkino?
Du denkst gerade: Endlich sagt’s mal jemand? Mehr davon gibt es in meinen Cocoon Talks:
Mein Körper war im Pacing-Modus. Mein Gehirn organisierte in der Zwischenzeit heimlich die nächsten zehn To-dos.
Heute stelle ich mir im Alltag bei kleinen Aufgaben eine ganz andere Frage.
Nicht nur : „Wie viel Energie kostet mich das jetzt?“
Sondern: „Wie viel Energie kostet es mich, wenn ich es heute nicht mache?“
Das hat einiges in meinem Alltag verändert: Die kurze E-Mail. Die leere Katzenfutterdose, die sowieso mit in den Müll konnte. Die Tasse, die ich beim Gang in die Küche einfach mitge-nommen habe. Das Rezept, das ich in zwei Minuten bestellen konnte. Das Gemüse, das ich schon mal geschnippelt habe, obwohl ich wusste, dass ich erst zwei Stunden später koche.
Früher wäre mein erster Gedanke gewesen: „Nein. Dafür muss ich erst Energie sparen.“ Heute ist mein Motto eher – „Wenn ich sowieso gerade aufstehe, kann ich das auch gleich erledigen.“ Weil ich irgendwann einfach gemerkt habe, dass mein ME/CFS-Gehirn erledigte Dinge erstaunlich schnell abhakt. Unerledigte leider nicht.
Mein ME/CFS-Gehirn hat ein starkes Faible für unerledigte To-dos.
Und bevor jetzt jemand denkt: „Super. Dann erledige ich ab morgen einfach alles sofort.“ Bitte nicht. Genau mit diesem Move landet man nämlich schneller im nächsten Crash, als man „Pacing“ sagen kann. Ich rede hier ausdrücklich nicht von den Tagen, an denen schon Duschen oder Zähneputzen die komplette Baseline sprengen. Und ich rede auch nicht davon, Warnsignale zu ignorieren oder PEM herauszufordern. Im Gegenteil. Pacing bleibt immer die Grundlage.
Aber innerhalb meiner Baseline habe ich irgendwann angefangen, sehr viel genauer hinzuschauen. Nicht jede Aufgabe kostet mich am Ende mehr Energie als das Aufschieben. Und genau das musste ich erst lernen. Und ehrlich gesagt habe ich dabei auch einige Fehlentscheidungen getroffen.
Mal dachte ich leichtsinnigerweise: „Ach komm, das mache ich noch schnell.“ Und hinterher war klar – eine sehr schlechte Idee gewesen.
An anderen Tagen habe ich winzige Aufgaben tagelang vor mir hergeschoben …… und schnell gemerkt, dass mich das Kopfkino am Ende mehr Kraft gekostet hat als die zwei Minuten der Erledigung. Nicht so einfach. Ja, diesen Drahtseilakt kann dir auch niemand abnehmen. Der gehört zu ME/CFS leider dazu. Genau wie beim Pacing. Aber, die gute Nachricht ist, dass man mit der Zeit ein Gespür dafür entwickelt.
Heute entscheide ich nicht mehr nach starren Regeln. Ich entscheide immer nur nach meiner aktuellen Baseline
Und vielleicht ist die bessere Frage auch gar nicht: „Sollte ich das jetzt machen?“ Sondern: „Was braucht meine Baseline heute wirklich?“ Manchmal ist das eine Pause. Manchmal sind es zwei Minuten. Und manchmal ist es die Erkenntnis, dass das Kopfkino gerade anstrengender ist als die Aufgabe selbst.
Ist mir auch gerade wieder selbst so passiert. Vor ein paar Tagen waren überall an der Balkontür wieder die typischen Katzennasen und Pfotenabdrücke. Ich hatte ehrlich gesagt absolut keine Lust und Energie, die Fensterscheibe zu putzen. Aber ich wusste genau, was passieren würde. Jedes Mal, wenn ich ins Wohnzimmer komme, würde meine innere Stimme sagen: „Müsstest du eigentlich schon mal putzen.“ Also habe ich den Lappen geholt. Zwei Minuten später war die Sache erledigt. Und das fühlt sich so gut an. Erledigt. Abgehakt. Auch im Kopf.
Offene To-dos sind wie Pop-up-Werbung. Man kann sie wegklicken. Weg sind sie trotzdem nicht.
Zwei Minuten Fenster putzen. Drei Tage weniger Kopfkino. Fairer Deal.
Vielleicht gibt es aber auch noch eine dritte Möglichkeit. Lange Zeit dachte ich immer, ich hätte genau zwei Optionen. Entweder ich erledige die Aufgabe selbst. Oder sie bleibt eben liegen. Gerade beim Thema Ausmisten war das mein Dauerzustand. Ich wollte endlich mehr Ordnung in meiner Wohnung. Weniger Zeug. Weniger Suchen. Mehr Platz. Mehr Ruhe. Ich wusste genau, warum mir das guttun würde. Minimalismus lieben mein Gehirn und meine Nervensystem sehr.
Und trotzdem passierte einfach … nichts. Nicht, weil mir Minimalismus plötzlich nicht mehr wichtig war. Sondern weil ich wusste, dass ich den ganzen Rest danach einfach nicht mehr schaffen würde. Aussortieren. Kartons packen. Zum Wertstoffhof fahren. Sachen fotografieren. Verkaufen. Verschenken. Allein der Gedanke daran war schon wieder ein neues To-do-Hinter-grundrauschen vom Feinsten.
Also blieb alles, wie es war. Bis ich irgendwann eine Idee hatte bzw. mir den Gedanken erlaubt habe: Vielleicht muss ich gar nicht alles alleine schaffen. Ergebnis: Ich habe aussortiert. Eine andere Person hat den Rest übernommen. Und plötzlich war nicht nur der Schrank leer. Sondern auch mein Kopf. Ich freue mich heute noch jedes Mal, wenn ich den Schrank aufmache. Nicht nur über die Ordnung. Sondern darüber, dass ich diese Aufgabe endlich nicht mehr mit mir herumschleppe.
Breaking News: Hilfe annehmen ist deutlich energiesparender, als zehnmal darüber nachzudenken, warum man sie nicht annehmen sollte.
„Schön für dich, Michaela.“ „Aber wenn ich liegen bleibe, dann ist das eben so. Ich habe genug andere Probleme. Ob da jetzt noch eine unerledigte E-Mail im Kopf herumspukt, macht den Kohl auch nicht mehr fett.“ Ganz ehrlich? Dann ist dieser Artikel wahrscheinlich auch gar nicht für dich.
Denn ich kenne auch genau diese Low-Energy-Tage, an denen mein Körper nur noch eines sehr deutlich signalisiert: Hinlegen. Augen zu. Nichts geht mehr.
An solchen Tagen gibt es keine Diskussion. Da gewinnt die Baseline. Punkt. Aber ich kenne eben auch die anderen Tage. Die Tage, an denen ich körperlich eigentlich Pause mache …… mein Gehirn aber trotzdem keine Ruhe gibt. Und genau um diese Tage ging es ja auch in diesem Artikel.
Es geht übrigens auch nicht darum, aus jeder Zwei-Minuten-Aufgabe sofort eine Pflichtübung zu machen. Herzlichen Glückwunsch. Dann hätten wir einfach nur eine neue Regel erfunden. Und davon gibt es bei ME/CFS ohnehin schon mehr als genug. Ich werde auch in Zukunft To-dos aufschieben. Ich habe schließlich ME/CFS und keinen Zauberstab. Aber inzwischen frage ich mich vorher wenigstens, was mich am Ende mehr Energie kostet.
ME/CFS hat mir eines ziemlich deutlich beigebracht: Nicht jede To-do gehört auf die To-do-Liste. Manche müssen einfach so schnell wie möglich aus meinem Kopf raus.

Meine persönliche Botschaft an dich:
Weißt du, was mich an dieser Erkenntnis am meisten überrascht hat?
Dass ich sie so lange übersehen habe. Ich habe immer geglaubt, ich müsste meine begrenzte Energie vor allem körperlich gut einteilen. Dabei habe ich völlig vergessen, dass mein Gehirn ebenfalls Energie verbraucht. Und zwar manchmal eine ganze Menge.
Seit ich bewusster darauf achte, welches To-do ich erledige, welches ich guten Gewissens verschiebe und wo ich mir Hilfe holen muss, ist in meinem Kopf und meinem Nervensystem deutlich mehr Ruhe eingekehrt. Leider nicht immer. Gebe ich gerne zu. Ja, ich habe immer noch Tage, an denen mein ME/CFS-Gehirn das komplette Katastrophenkopfkino startet. Und manchmal verschiebe ich Dinge immer noch länger, als gut für mich wäre. Aber ich gehe heute auch viel liebevoller mit mir um. Ich muss nicht alles schaffen. Ich muss auch nicht alles alleine schaffen. Und ich muss schon gar nicht perfekt pacen. Ich darf ausprobieren, Fehler machen und meinen eigenen Weg finden.
Wenn dieser Artikel heute dazu geführt hat, dass du bei einem einzigen To-do kurz innehältst und dich fragst: „Was kostet mich am Ende wirklich mehr Energie – das Erledigen oder das ständige Kopfkino?“
…dann hat sich das Schreiben für mich schon gelohnt. Denn vielleicht bringt dir genau diese eine Frage irgendwann ein kleines bisschen mehr Ruhe. Und ich glaube, wir alle im Team ME/CFS können davon gar nicht genug gebrauchen.
Und BTW: Falsches Pacing ist selten das eigentliche Problem. Die tausend kleinen Entscheidungen im Alltag sind es.
Genau dabei begleite ich dich in meinen Cocoon Talks. Per Sprachnachricht, auf Augenhöhe und ohne erhobenen Zeigefinger. Damit du deinen eigenen Weg zwischen Ruhe, Aktivität und Baseline findest.

Okay, ganz kurz nochmal zurück zum Thema. Denn einige Fragen kommen an dieser Stelle fast immer …
Muss ich jetzt jede Zwei-Minuten-Aufgabe sofort erledigen?
Nein. Genau das wollte ich mit diesem Artikel auf gar keinen Fall sagen. An Tagen, an denen kleinste Tätigkeiten deine Baseline sprengen, hat Erholung natürlich immer Vorrang. Es geht auch nicht darum, eine neue strikte Regel aufzustellen. Es geht darum, bewusster abzuwägen, was dich heute am meisten Energie kostet – die Aufgabe oder das ständige Kopfkino.
Ist das nicht das Gegenteil von Pacing?
Nein. Für mich gehört genau diese Abwägung inzwischen zum Pacing dazu. Früher habe ich mich nur gefragt: „Wie viel Energie kostet mich diese Aufgabe?“ Heute frage ich zusätzlich: „Wie viel Energie kostet es mich, sie tagelang mit mir herumzutragen?“ Beide Antworten gehören für mich zu gutem Pacing.
Was ist, wenn ich mich verschätze und dadurch einen Crash riskiere?
Ganz ehrlich. Das wird passieren. Mir ist es auch schon einige Male passiert. Pacing ist für mich kein starres Regelwerk, sondern eher ein Lernprozess. Man trifft gute Entscheidungen. Man trifft schlechte Entscheidungen. Mit der Zeit entwickelt man ein immer besseres Gespür dafür, was die eigene Baseline gerade braucht. Learning by doing gehört leider zum ME/CFS-Game mit dazu.
Was ist, wenn ich gar keine Energie für kleine Aufgaben habe?
Dann ist dieser Artikel wahrscheinlich gerade nicht für dich. Und das ist völlig okay. Ich spreche hier ausdrücklich von den Tagen, an denen ein kleines bisschen möglich ist. An schweren Tagen gewinnt die Baseline. Ohne Diskussion.
Woher weiß ich, ob ich gerade Energie spare oder nur aufschiebe?
Diese Frage kann dir leider niemand beantworten. Genau wie beim Pacing gibt es dafür keine perfekte Formel. Ich frage mich heute nur häufiger: Bringt mir das Aufschieben wirklich mehr Ruhe? Oder begleitet mich dieses To-do bis morgen, übermorgen und nächste Woche sowieso wieder? Diese zusätzliche Frage hat meinen Umgang mit kleinen Aufgaben komplett verändert.

