Spoiler: Nicht mangelnde Disziplin war das Problem, sondern 17 offene Heilungs- und Therapie-Tabs im Kopf.
Kleine Vorwarnung: Das hier könnte deine Sicht auf ME/CFS-Recovery komplett verändern.
Oder vielleicht wieder einmal der eine Moment, in dem ich genau wusste, dass ich gerade einen Crash riskiere, es morgen bitter bereuen werde und trotzdem losgegangen bin.
Ich stehe in einer Gesundheitsbuchhandlung bei mir um die Ecke. Etwa 500 m von meiner Wohnung im Münchner Glockenbachviertel entfernt. Kurz vor dem Crash. Im PEM-Modus. Puls irgendwo zwischen „geht noch“ und „gleich liege ich hier und nichts geht mehr“. Ich ignoriere alles, was mein Körper mir gerade sehr deutlich sagt. Nur noch einmal. Nur noch heute. Weil es ja irgendwo da draußen diese eine Lösung geben muss.
Ich halte mich am Regal fest, damit ich nicht gleich umfalle. Kreislauf geht in den Keller. Schwindel. Zittrige Knie. Angst kommt hoch. Panik. Was, wenn ich es nicht mehr nach Hause schaffe? Die Gedanken schiebe ich weg. Ich muss es schaffen.
Vor mir Regale mit zig Büchern über Heilung, Selbstregulation, alternative Wege, Wunder. Ich scanne die Titel. Blättere in das ein oder andere Buch rein. Das. Vielleicht das. Oder doch das daneben. Und Mein innerer Dialog ist sor:
„Wenn ich dieses eine Buch mit der richtigen Therapie endlich finde, war den Crash, den ich morgen haben werde, definitiv wert“.
Und das hier war wirklich keine entspannte Recherche. Das war Adrenalin. Überlebensmodus. Immer mit dieser Angst im Nacken, ein Buch zu verpassen. Dass es jemand anderes kauft, bevor ich es gesehen habe und ich deshalb nie mehr aus diesem ME/CFS-Game aussteigen kann.
Internet? Fehlanzeige. Social Media mit Tipps und Erfahrungsberichten bei ME/CFS? Gab es nicht. In den 1990ern waren diese Bücher alles, was ich hatte. Der einzige Ort, an dem ich überhaupt suchen konnte. Der einzige Strohhalm, an den ich mich klammern konnte. Und was noch erschwerend dazukommt, ME/CFS kannte in den 1990ern kein Mensch. Keine bekannte Diagnose, die jemand einordnen konnte. Keinen Plan. Keine Vorbilder. Keine Roadmap.
Es fühlte sich wirklich so an, als wäre ich über Nacht in einem ME/CFS-Paralleluniversum aufgewacht. Alles war noch da, aber nichts funktionierte mehr wie früher. Mein Körper nicht. Mein Alltag nicht. Mein Leben nicht. Game over. Du hast jetzt leider die A……karte gezogen.
Und es gab leider auch niemanden, der gesagt hätte: „Ja, das ist bei dieser Diagnose normal.“ „Nein, du spinnst nicht.“ „Du bist nicht plötzlich im falschen Film gelandet.“ Ich war einfach so allein. Und komplett lost.
Also habe ich ein Buch nach dem anderen durchgescannt. Obwohl ich kaum stehen konnte. Stapelweise Bücher zur Kasse geschleppt, ohne den leisesten Plan, wie ich sie nach Hause tragen soll. Und immer wieder diese Gedanken …
Jetzt aber. Jetzt habe ich genug Wissen und Informationen. Jetzt wird es ganz bestimmt besser werden. Jetzt habe ich endlich den heiligen ME/CFS-Recovery-Gral gefunden.
Heilung war für mich nicht nur ein sehnlicher Wunsch. Heilung war eine Pflicht. Egal, ob mein Energielevel das hergegeben hat oder nicht. Recovery-Bootcamp trifft es ziemlich genau, wie ich damals mit mir und meinem Körper umgegangen bin.
Zuhause angekommen, habe ich mich sofort auf die Bücher gestürzt und gelesen. Auch wenn ich am Ende der Seite, den Anfang wieder vergessen hatte. Auch wenn ich beim ersten Mal nicht alles verstanden haben. Egal, ich probiere alles aus. Setze um. Perfekt. Wenn nichts passieret, suchte ich den Fehler natürlich immer bei mir. Falsche Dosierung. Falscher Zeitpunkt. Falsches Mind-Set. Nicht positiv genug gedacht. Dann schnell das nächste Buch. Die nächste Methode. Der nächste Hoffnungsschub. Die nächste Enttäuschung. Ein anstrengender Kreislauf mit Crashgarantie.
Und mein Nervensystem hatte irgendwann keine Lust mehr auf mein Recovery-Hamsterrad.
Mein Nervensystem hat in dieser Zeit nicht etwa aufgeatmet. Es hatte keine Geduld mehr mit mir. Es ist nicht leise ausgestiegen. Es ist eskaliert. Rück-blickend hatte es erstaunlich lange Geduld. Ich wäre an seiner Stelle viel früher ausgerastet. Und ich? Ich wurde nicht zuerst schwächer. Ich wurde aggressiv. Reizbar. Dünnhäutig. Explosiv.
Mir fällt etwas runter und innerlich fliegt gleich alles hinterher. Meine Katze will etwas. Ein Gedanke zu viel. Ein Geräusch zu laut. Und ich könnte schreien. Nicht, weil mir etwas gefehlt hat. Sondern, weil alles einfach zu viel war. Gut gemeint, aber einfach „too much“. Und weil mein Nervensystem durch die vielen Impulse und Veränderungen keinen einzigen sicheren Moment mehr kannte.
ME/CFS war schon hart genug. Aber mein Recovery-Stress war noch härter.
Und an diesem Punkt war ich dann wirklich am Limit. Körperlich, emotional und psychisch. Durch ME/CFS, aber vor allem durch meinen eigenen Recovery-Stress. Ich war so durch, ich hätte auch an Horoskope geglaubt Hauptsache, irgendwer erklärt mir, was hier passiert.
Zwei Jahre konnte ich das Haus kaum verlassen. Arzttermine waren sichere Crash-Auslöser. Ich saß fest wie in einem Hochsicherheitsgefängnis mit einem unberechenbaren Körper und einer Umwelt, die mir signalisierte: „Du kannst doch jetzt nicht einfach nichts tun und auf bessere Zeiten warten.“
Und dann kam Ayurveda in mein Leben. Und ja, es hat mich sofort gecatcht. Zum ersten Mal ergaben meine Symptome Sinn. Vata-Eskalation. Kein willkürliches Chaos. Kein persönliches Versagen. Kein Montagskörper, der hier unnötig Randale macht. Spoiler: Und natürlich habe ich auch das wieder perfektioniert. Essen. Routinen. Tagesstruktur. Im Stressmodus. Mit hohen Erfolgserwartungen. Und habe mich diesmal eben ayurvedisch überfordert.
Einmal Ayurvedahölle und zurück – Ergebnis: Danke für nichts.
Bis ich irgendwann keinerlei Kapazitäten für weiteres Drama hatte und alles hingeschmissen habe. Ayurveda „und tschüss“. Suche nach Therapien. Kein Interesse. Akzeptanz im Achtsamkeitsmodus? Nein, schlicht und ergreifend, weil ich einfach nicht mehr konnte.
Ich hatte einfach keine Energie mehr fürs Suchen. Keine Nerven mehr fürs Hoffen. Und erst recht keinen Bock mehr, meinen Körper weiter wie ein kaputtes Projekt zu behandeln, dass man nur lange genug analysieren muss, bis es endlich spurt. Also habe ich aufgehört mit dem Recovery-Erfolgsdruck. Weil ich meinem Nervensystem eine Pause gönnen wollte und es insgeheim manipulieren wollte endlich in den Recoverymodus zu wechseln? Nein. Davon wusste ich damals noch nichts. Einfach nur, weil ich am Ende war.
Projekt ME/CFS-Recovery erstmal abgebrochen. Alle Hoffnungen begraben.
Und genau an diesem Punkt ist dann etwas passiert, das ich so nicht geplant hatte. Nie im Leben erwartet hätte. Ganz unbemerkt ging es mir etwas besser. Nicht über Nacht. Es wurde nicht spektakulär besser. Es gab keinen Durchbruch. Kein Vorher-nachher-Moment für Instagram.
Aber es wurde entspannter. Weniger Druck. Weniger inneres Antreiben. Mehr auf Körperfeedback, Intuition und Körpersignale hören.
Und weißt du was? Wenn ich jetzt ganz ehrlich zu dir bin, ich hätte mir früher so sehr gewünscht, dass mir jemand sagt, dass mein Problem nicht mangelnde Disziplin oder Umsetzung ist. Nicht zu wenig Wissen. Nicht die falsche Therapie. Sondern dieser permanente Druck, gesund werden zu müssen. Die Erwartung das ME/CFS-Drama so schnell wie möglich hinter mir zu lassen.
Recovery als Vollzeitjob. Nervensystemcrasher. Funktioniert nicht. Punkt.

Zum Schluss noch eine ganz persönliche Botschaft von mir für dich:
Dein Nervensystem lässt sich nicht verarschen. Nicht mit Disziplin. Nicht mit noch mehr Wissen. Nicht mit „Ich reiß mich jetzt zusammen“. Ich sag dir das jetzt ganz direkt, so wie ich es einer Freundin sagen würde: Ich weiß, wie groß der Druck ist. Wenn man ME/CFS hat, will man da raus. Punkt. Man will wieder leben. Man will wieder man selbst sein. Und klar macht man dann Tempo. Innerlich zumindest. Hab ich auch gemacht. Nicht einmal. Zweimal. Und jedes Mal war es gleich, je mehr ich versucht habe, mein Nervensystem zu überholen, desto mehr hat es auf stur geschaltet. Nicht aus Bosheit. Nicht, weil ich etwas falsch gemacht habe. Sondern weil es einfach irgendwann gesagt hat: Nee. So nicht. Mehr Energie kam bei mir nie dann zurück, wenn ich panisch nach der nächsten Lösung gesucht habe. Sondern immer erst dann, wenn ich innerlich aufgehört habe zu ziehen. Nicht mit einem großen Entschluss. Eher so ein resigniertes: Okay. Ich kann gerade einfach nicht mehr. Und ja, das fühlt sich erst mal scheiße an. Langsam. Frustrierend. Als würde man Zeit verlieren.
Rückblickend war genau das der Punkt, an dem mein Nervensystem zum ersten Mal nicht mehr im Daueralarmmodus war. Mehr will ich dir damit gar nicht sagen. Nur das. Und ich sage es heute ganz offen: Alleine hätte ich diesen Zustand nicht halten können. Co-Regulation war bei mir der absolute Nervensystem Game Changer.
In meinen Cocoon Talks geht es genau darum: einen Raum zu haben, in dem dein Nervensystem runterfahren darf, ohne dass du erklären musst, warum du so bist, wie du bist.
