Warum „Ich kann doch noch“ beim Pacing verdammt trügerisch sein kann und Vata, Pitta und Kapha dabei überraschend nützlich werden.

„Ach komm, das geht schon noch.“
Mir war eigentlich schon beim Anziehen klar, dass es nicht geht.
Mir war schwindelig, mein Kreislauf fühlte sich komisch an und als ich mir die Handtasche und die Einkaufstasche genommen habe, hätte ich eigentlich schon wieder alles abstellen müssen. Eigentlich.
Stattdessen ist in meinem Inneren eine sehr hitzige und eigentlich sinnlose Diskussion gestartet.
„Ich will aber“! Das schaffe ich schon. Ich will jetzt einkaufen. Danach lege ich mich wieder hin. Das wird ja wohl noch möglich sein. Also Treppe runter. Der Schwindel wurde schlimmer. Nein. Ich drehe jetzt nicht um. ME/CFS-Trotzkopfmodus.
Gedankenkarussell on: Warum macht mein Körper das jetzt schon wieder? Was soll das?
Und irgendwo zwischen Trotz, Frust und „Halt jetzt einfach mal die Fresse, Körper“ bin ich einfach weiter gelaufen. Bis mein Kreislauf so deutlich anderer Meinung war, dass es nichts mehr zu verhandeln gab. Ich musste umdrehen.
Wieder zu Hause war ich nicht nur körperlich völlig erledigt. Ich war wütend. Gefrustet. Und irgendwann habe ich dann aufgegeben. Ich ließ mir meine Einkäufe liefern, obwohl sich genau das für mich damals, wie eine weitere verdammte Niederlage angefühlt hat. Ein Rückschritt den ich einfach nicht akzeptieren wollte und konnte. Mein Körper hatte mir ziemlich früh gesagt, dass Einkaufen an diesem Tag keine gute Idee war.
Ich hatte einfach nur beschlossen, dass seine Meinung heute nicht zählt. Juckt mich nicht!

Und genau das war mein Problem: Ich wollte einfach nicht akzeptieren, mit weniger Energie besser umzugehen. Ich wollte meinen früheren mit Gewalt Energielevel zurückhaben bzw. nicht wahrhaben, dass da jetzt etwas wieder anders geworden ist.
Ich wollte meinen Einkauf selbst erledigen. (Da fallen mir spontan meine Kinder ein, als sie noch klein waren: „Selber“! Aber zurück zu mir. Ich wollte meinen Haushalt selbst machen. Meinen Alltag nicht danach ausrichten, was mein Körper heute vielleicht genehmigt oder auch nicht. Ich hatte schließlich schon einmal viel mehr gekonnt. Und jetzt sollte ich ernsthaft wieder anfangen, mein Leben kleiner zu machen?
Nö. Nö. Und nochmal „Nö“.
Also behandelte ich meine Belastungsgrenze eine ganze Weile eher wie einen unverbindlichen Vorschlag. Das Blöde daran: Bei ME/CFS ist „Ich akzeptiere diese Grenze nicht“ leider keine besonders erfolgreiche Verhandlungstaktik.
Und vielleicht ist auch genau das einer der Gründe, warum Pacing so ein verdammter Endgegner sein kann. Es reicht einfach nicht, theoretisch zu wissen, dass man innerhalb seiner Belastungsgrenzen bleiben sollte. Man muss diese Grenze überhaupt erst wahrnehmen können. Man muss ihr glauben und vertrauen. Und dann kommt der besonders spaßige Teil: Man muss sein Verhalten danach ausrichten, auch wenn man gerade überhaupt keine Lust darauf hat.
Mein Pacing-Routine damals: Körper-Stoppsignal erhalten. Widerspruch eingelegt. Weitergemacht.
Ich wusste ganz genau, was Pacing ist und wie es funktioniert. Ich wusste, was PEM ist. Und ich wusste auch, dass „einfach weitermachen“ bei ME/CFS ungefähr so erfolgversprechend ist wie der Versuch, einen leeren Akku durch gutes Zureden wieder aufzuladen. An Wissen hat es also nicht unbedingt gemangelt.
Trotzdem fiel es mir so verdammt schwer, meine Belastungsgrenzen im Alltag ernst zu nehmen. Denn Pacing klingt in der Theorie so herrlich logisch: Du bleibst innerhalb deiner individuellen Belastungsgrenze, planst Pausen ein und vermeidest möglichst Überlastung. Theorie verstanden. Umsetzung in der Praxis eher schwierig. Warum?
Meine Belastungsgrenze zeigte sich leider weder durch eine rote Linie auf dem Boden noch eine Prozentanzeige auf meiner Stirn.
Und sie war leider auch nicht jeden Tag gleich. Manchmal merkte ich ziemlich deutlich, dass etwas nicht ging und machte es trotzdem.
Noch schwieriger fand ich aber die Tage, an denen plötzlich erstaunlich viel ging. Ich konnte etwas erledigen, war vielleicht sogar voller Tatendrang und dachte: Na also. Geht doch wieder. Genau dann wurde „Ich kann doch noch“ schnell zu meinem persönlichen Freifahrtschein für „Dann kann ich auch noch …“ Nur: Etwas gerade tun zu können und die Belastung tatsächlich gut zu verkraften, sind für mich zwei verschiedene Dinge geworden.
Dabei hatte ich eigentlich längst gelernt, meinem Körper zuzuhören. Seine Signale nicht ständig zu ignorieren.
Das eigentlich Absurde an dieser Geschichte ist: Ich wusste es eigentlich wirklich besser.
Und zwar nicht nur in der Theorie. Ich hatte nicht nur irgendwo einen schlauen Artikel über Pacing gelesen und beschlossen, mich ab jetzt vorbildlich an meine Belastungsgrenze zu halten.
Als ich das erste Mal an ME/CFS erkrankte, kannte ich den Begriff Pacing noch gar nicht. Ich hatte keinen ausgeklügelten Pacing-Plan. Keine App. Keine Pulsuhr, die mir mitteilte, wann jetzt aber wirklich Schluss ist. Ich hatte meinen Körper. Und ziemlich viel Zeit, um herauszufinden, was er mir eigentlich sagen wollte.
In dieser Zeit begann auch meine große Ayurveda-Lovestory. Ich habe Ayurveda-Bücher inhaliert, ausprobiert, beobachtet, alles wieder hingeschmissen und habe die Empfehlungen nach und nach an meinen Alltag und meinen Körper angepasst.
Learning by Doing – nur mit Vata, Pitta und Kapha. Und mit der Zeit veränderte sich etwas.
Aus einem diffusen „Mir geht’s heute irgendwie komisch“ wurde immer öfter ein Muster, das ich kannte. Ich fror plötzlich. Wurde unruhig. Zittrig. Meine Gedanken sprangen gleichzeitig in ungefähr 17 verschiedene Richtungen. Okay. Das kannte ich. Mein Vata war offenbar gerade der Meinung, eine kleine Privatparty veranstalten zu müssen.
Oder mir wurde heiß. Ich hatte extremen Durst. Ich war gereizt. Und Dinge, die mich eine Stunde vorher noch nicht gestört hatten, gingen mir plötzlich unfassbar auf die Nerven. Hallo Pitta. Auch wieder da.
Mein Körper hat die ganze Zeit Signale gesendet. Ich habe sie aber nicht verstanden. Ayurveda lieferte mir dann endlich die Untertitel.
Und das Entscheidende war für mich gar nicht, jedem einzelnen Symptom möglichst schnell ein Dosha-Etikett aufzukleben. Es war das Verständnis dahinter. Mein Körper macht das nicht, um mich zu ärgern. Er ist nicht mein Gegner. Er sitzt nicht morgens irgendwo in einer körpereigenen Kommandozentrale und denkt sich: Mal sehen, wie wir ihr heute den Tag so richtig versauen.
Ein Körpersignal war für mich durch Ayurveda neutraler und immer mehr zu einer Information geworden: Schau hin. Irgendetwas verändert sich gerade.
Und wenn ich ungefähr einschätzen konnte, in welche Richtung mein System kippte, hatte ich zumindest schon mal eine Idee, was jetzt guttun könnte. Mehr Ruhe. Mehr Wärme. Weniger Reize. Mehr Routine, wenn mein Vata völlig am Rad drehte. Oder eben weniger von allem, was mein ohnehin schon angeheiztes Pitta noch zusätzlich befeuerte. Dafür muss übrigens niemand erst eine Ayurveda-Ausbildung machen oder die nächsten drei Jahre Sanskrit lernen.
Es geht erst einmal um etwas viel Banaleres: Was verändert sich gerade in meinem Körper? Und auch: Kenne ich dieses Muster vielleicht schon?
Ich kannte meine Muster, Symptome und Körpersignale irgendwann also wirklich ziemlich gut. Und genau deshalb ist es rückblickend fast schon komisch, wie vehement ich sie nach meinem Post-Vac-Rückfall ignorieren konnte. Fast. Denn lustig fand ich daran damals ehrlich gesagt überhaupt nichts.
Klar, ich kannte alle Stopp-Signale in allen Varianten und Ausprägungen. Aber ich wollte nur verdammt noch mal nicht hören, was sie mir sagten.
Ich hatte schließlich schon erlebt, wie es sich anfühlt, wenn der Aktionsradius und das Leben wieder größer wird. Die Lebensqualität wieder steigt.
Nach meiner ersten schweren ME/CFS-Zeit war über die Jahre unglaublich viel zurückgekommen. Ich konnte wieder einkaufen gehen, in die Stadt fahren, ins Restaurant, Ausflüge machen, verreisen. Mein Leben war nicht perfekt und mein Körper nicht grenzenlos belastbar, aber ich hatte verdammt viel davon zurückbekommen. Und Ayurveda war über all diese Jahre ein wichtiger Begleiter meines Lebens gewesen.
Dann kam Post-Vac. Und plötzlich ging wieder weniger. Sehr viel weniger. Natürlich habe ich da dann erstmal auch Ayurveda infrage gestellt.
Frage: Warum passiert ausgerechnet mir das jetzt? Ayurvedafangirl und Mitglied Team Ayurvedastreber. Hallo?
Ich habe doch meinen „Healty-Girl-Ayurvedalifestyle“ (außer manchmal). Ich beschäftige mich seit Jahren damit. Ich kenne meine Konstitution. Ich kenne die Doshas und ihre Eigenschaften. Ich weiß, was mir guttut. Aber jetzt mal ganz ehrlich und Realtalk. Wofür weiß ich und mache ich den ganzen Ayurveda-Kram eigentlich, wenn mein Körper jetzt trotzdem wieder die Grätsche macht?
Was ich in diesen Momenten aber gerne mal verdrängt habe: Ayurveda-Wissen zu haben und jeden einzelnen Tag perfekt danach zu leben, sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Ich habe einen Alltag. Verpflichtungen. Arbeit. Wünsche. Pläne. Und ich bin ein Vata-Pitta-Typ.
Sagen wir es mal so: „Ach komm, das mache ich jetzt auch noch schnell“ gehört durchaus zu meinem Persönlichkeitsprofil und meinem Dosha-Typ.
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Ich wusste, wie schon gesagt, rein theoretisch extrem viel darüber, was mein Körper wollte und brauchte. Das bedeutete nur leider nicht automatisch, dass ich immer begeistert und bereit war, ihm das auch zu geben. Vor allem dann nicht, wenn das bedeutete, auf etwas zu verzichten, das kurz vorher noch selbstverständlich gewesen war. Einkaufen. Haushalt. Einfach losgehen. Nicht vorher darüber nachdenken müssen, ob mein Körper heute mitspielt.
Denn genau da wird Körpersignale wahrnehmen plötzlich sehr viel schwieriger und anstrengender. Und es bekommt dann auch irgendwann Spaßbremsenvibes. Es ist relativ einfach, seinem Körper zuzuhören, wenn einem gefällt, was er sagt. „Heute fühlt sich alles gut an.“ Sehr gerne. Nachricht erhalten.
„Heute brauchst du Ruhe, obwohl du etwas ganz anderes vorhattest. “Ähm. Können wir noch mal über die erste Variante sprechen? Körpersignal verstanden. Inhalt nicht akzeptiert. Bitte neue Nachricht senden. Und da wurde es sehr tricky für mich.
Körpersignale wahrnehmen: kann ich. Mich danach richten: Wir arbeiten dran. „Ich kann schon noch“ ist nicht dasselbe wie „Das kann ich mir gerade leisten“
Es gibt Tage, da habe ich wirklich einen guten Energielevel. Und dann gibt es Tage, da fühle ich mich, als hätte ich ungefähr 20 Tassen Kaffee getrunken. Der Unterschied ist inzwischen ziemlich eindeutig.
Wenn ich wirklich echte Energie habe, fühlt sie sich ruhig an. Ich kann meine Sachen erledigen, eins nach dem anderen. Ich kann zwischendurch aufhören. Eine meiner Mini-Pausen machen. Mich kurz hinsetzen und danach weitermachen. Kein innerer Antreiber steht mit der Peitsche hinter mir und brüllt: LOS! WEITER! SCHNELL! DA GEHT NOCH WAS!
Im Adrenalinmodus sieht das anders aus. Der beginnt bei mir häufig dann, wenn ich meine Grenze eigentlich schon längst bemerkt habe. Ich bin erschöpft. Ich bräuchte Ruhe. Vielleicht habe ich diesen Punkt sogar schon mehrmals wahrgenommen. Aber manchmal interessiert sich der Alltagswahnsinn leider herzlich wenig dafür.
Es gibt Dinge, die erledigt werden müssen. Verpflichtungen. Äußere Zwänge. Situationen, in denen ich nicht einfach sagen kann: So, mein Körper hätte jetzt gerne Feierabend, wir sprechen uns morgen wieder. Also gehe ich noch einmal über den Punkt. Und noch einmal. Und irgendwann kippt etwas. Plötzlich bin ich aufgekratzt. Unruhig. Voller Tatendrang. Ich mache dies, dann schnell noch das, ach, wenn ich schon dabei bin, kann ich jenes auch noch erledigen und das dauert schließlich nur fünf Minuten und …
Willkommen im Adrenalin-Hamsterrad.
Das Gemeine daran: Ich weiß inzwischen meistens ganz genau, was da passiert. Ich denke durchaus: Hoppala. Gang runter. Das ist keine echte Energie mehr. Du bist längst drüber.
Eine durchaus vernünftige Erkenntnis. Mein nächster Gedanke lautet dann aber meistens ungefähr: Ja. Aber DAS mache ich jetzt noch schnell. Und danach noch das. Und das. Und wenn wir schon dabei sind …
Wäre schon ganz gut die Pacing Regeln und die Baseline zu beachten, aber …..
Genau in diesem Zustand fällt mir ausgerechnet das besonders schwer, was ich eigentlich dringend bräuchte: aufhören. Selbst meine Mini-Pausen, die mir sonst richtig guttun, bekomme ich dann viel schlechter hin. Ruhe fühlt sich plötzlich nicht mehr gut an. Ich bin längst in diesem inneren Hamsterrad und muss mich ganz bewusst daraus herausbremsen. Und das kostet mich sogar noch einmal Kraft.
Deshalb gibt es für mich da inzwischen einen ziemlich wichtigen Unterschied:
Echte Energie macht mich nicht hektisch und überdreht. Wenn ich tatsächlich genug Energie habe, muss ich sie nicht möglichst schnell verbrauchen. Ich kann etwas tun und wieder aufhören. Ich kann Pausen machen. Ich kann mich entscheiden, etwas erst später zu erledigen. Dieser völlig überdrehte Tatendrang dagegen ist für mich kein Zeichen dafür, dass meine Belastungsgrenze plötzlich größer geworden ist. Eher das Gegenteil.
Und genau deshalb reicht mir beim Pacing die Frage „Kann ich das gerade noch machen?“ nicht mehr. Denn ja. Manchmal kann ich noch. Ich kann weiterarbeiten. Noch schnell etwas wegräumen. Noch eine Sache erledigen. Und offensichtlich kann ich auch sehr überzeugend so aussehen, als wäre bei mir gerade erstaunlich viel möglich. Nur sagt das leider noch lange nichts darüber aus, was mein Körper von dieser Belastung hält.
„Ich kann es gerade noch irgendwie machen oder erzwingen“ bedeutet nicht automatisch: „Mein Körper kann sich diese Belastung gerade leisten.“
Den Unterschied merke ich dann meistens spätestens abends. Eigentlich bin ich völlig erschöpft. Aber mein System hat offenbar andere Pläne.
Tired but wired. Ich liege im Bett und brauche ewig, bis ich endlich runterkomme und einschlafen kann. Und am nächsten Morgen kommt die Quittung. Fix und fertig. Kreislaufprobleme. Schwindel. Übelkeit. Kein Appetit. Dieses wunderbare Gefühl, als wäre nachts ein LKW über mich gefahren und hätte sicherheitshalber noch einmal den Rückwärtsgang eingelegt.
Spätestens dann ist ziemlich klar: Das gestern war keine plötzlich wiederentdeckte Superkraft. Das war Energie auf Pump. Energiedispo leider wieder überzogen. Die Zinsen zahle ich dann leider auch.
Meine Baseline aka Belastungsgrenze? Leider komplizierter als „geht“ oder „geht nicht“
Eine meiner wichtigsten und gleichzeitig unbequemsten Fragen bei ME/CFS ist:
„Und? Was geht heute?“
Keine Ahnung. Soll ich kurz meinen Körper fragen, ob er mir die Tageskarte bringt? Denn meine Belastungsgrenze funktioniert nicht nach dem Prinzip: Heute habe ich 60 Prozent Energie, also gehen 60 Prozent von allem. Das wäre schon praktisch.
An manchen Tagen kann ich duschen, mich anziehen, arbeiten und ein bisschen im Haushalt machen und mein Körper findet das erstaunlich unspektakulär. Setze ich mich danach an den Laptop und versuche, mich zu konzentrieren, merke ich dagegen ziemlich schnell:
Nope. Heute nicht.
An einem anderen Tag kann es genau andersherum sein. Ich kann am Laptop sitzen, schreiben, denken, mich konzentrieren und Duschen fühlt sich plötzlich an wie eine sportliche Großveranstaltung, für die ich mich versehentlich angemeldet habe.
ME/CFS-Baseline: Heute im Angebot – körperliche Belastung ODER Gehirnarbeit. Nur solange der Vorrat reicht.
Und dann gibt es natürlich noch Geräusche. Gespräche. Viele Menschen. Autofahren. Einkaufen. Entscheidungen treffen. Zeitdruck. Emotionen. Alles Belastung. Nur eben nicht dieselbe. Genau deshalb ist meine Baseline für mich keine feste und starre Linie, unter der automatisch alles okay ist.
Sie verändert sich. Und vor allem sagt mir ein „Das geht gerade“ bei einer Tätigkeit noch lange nicht, was mein Körper mit der nächsten Belastung anfangen wird. Das macht Pacing im echten Leben auch erheblich komplizierter als auf dem Papier. Denn natürlich sendet mein Körper Signale.
Die Frage ist nur: Was sagen sie mir gerade? Und genau an dieser Stelle ist mein Ayurveda-Wissen für mich seit vielen Jahren verdammt praktisch. Ich schaue nämlich nicht ausschließlich darauf, wie viel ich noch machen kann. Ich schaue auch darauf, wie mein Körper gerade auf das reagiert, was ich mache. Friert es mich plötzlich? Werde ich unruhig oder zittrig? Fangen meine Gedanken an, gleichzeitig in zehn verschiedene Richtungen zu rennen? Wird mir heiß? Bekomme ich ungewöhnlich starken Durst? Bin ich plötzlich so gereizt, dass schon ein schief liegender Teelöffel persönliche Konsequenzen zu befürchten hat? Dadurch bekomme ich eine Idee, in welche Richtung ich in eine Dysbalance rutsche. Aber es sind leider keine genauen Informationen wie:
Achtung, noch exakt 13 Minuten Laptop möglich.
Schön wär’s. Aber zusammen ergeben solche Veränderungen für mich ein Bild. Und durch Ayurveda habe ich über viele Jahre gelernt, dieses Bild besser einzuordnen. Nicht im Sinne von:
Symptom A bedeutet immer Vata. Symptom B ist Pitta. Und bei Symptom C bitte einmal Kapha ankreuzen. So funktioniert mein Körper nicht. Und so nutze ich mein Ayurvedawissen auch nicht. Ich achte auf Muster. Denn für mein Pacing macht es einen Unterschied, ob ich einfach müde bin oder ob ich gleichzeitig friere, zittrig werde, innerlich immer unruhiger werde und mein Gedankenkarussell anfängt, Überstunden zu machen.
Unpopular Opinion: Mehr Tatendrang bedeutet bei mir nicht automatisch mehr Energie.
Meistens ist sogar eher das Gegenteil der Fall. Ausgerechnet wenn mein Körper dringend Ruhe braucht, werde ich unruhiger. Meine Gedanken werden schneller. Ich möchte noch dies erledigen und jenes anfangen. Und wenn ich nicht aufpasse, halte ich dieses innere Tempo auch noch für ein Zeichen dafür, dass offenbar doch noch etwas geht. Spoiler: Geht es nicht.
Genau dieses Muster ist für mein Pacing inzwischen allerdings verdammt wertvoll. Denn wenn ich es erkenne, weiß ich: Mein Tatendrang ist gerade kein Freifahrtschein. Er ist eine Information. Und Ayurveda gibt mir eine ziemlich gute Erklärung dafür, warum bei mir ausgerechnet dann innerlich die Party losgeht, wenn mein Körper eigentlich Ruhe bestellt hat. Hello Vata.
Wenn Vata erst mal Konfetti wirft, ist die PEM-Party meistens schon länger im Gange.
Das Vata-Dosha ist bei mir meistens nicht besonders subtil und zurückhaltend. Kein Wunder. Vata ist mein Hauptdosha in meiner Grundkonstitution. Sagen wir es so: Mit Vata habe ich ziemlich viel Erfahrung. Mit Vata-Störungen ehrlicherweise noch ein bisschen mehr als mit tiefenentspanntem Bilderbuch-Vata. Und genau deshalb kenne ich auch eine seiner fieseren Eigenschaften ziemlich gut:
Wenn mein Vata bereits zu hoch ist, bringt mich mein Zustand ausgerechnet dazu, noch mehr von den Dingen zu tun, die Vata weiter hochtreiben.
Ich werde unruhiger und mache mehr. Meine Gedanken werden schneller und ich packe noch drei Dinge gleichzeitig an. Eigentlich bräuchte ich weniger Reize und mein Kopf sucht sich noch mehr Input.
Das ist für mich eines der paradoxesten Dinge an einem Dosha-Ungleichgewicht: Wir haben häufig ausgerechnet auf das Lust, was wir gerade nicht gebrauchen können.
Oder weniger ayurvedisch ausgedrückt: Wir rennen fröhlich in unser eigenes Vata-Verderben und wundern uns unterwegs noch, warum es immer ungemütlicher wird. Theoretisch kenne ich dieses Spiel inzwischen ziemlich gut. Mein Körper übrigens auch.
Ich fange an zu frieren. Meine Hände werden kalt. Manchmal werde ich zittrig. Gleichzeitig werde ich innerlich immer unruhiger. Und dann ist da noch mein Kopf. Ein klarer Gedanke wäre jetzt wirklich schön. Stattdessen bekomme ich ungefähr 37 gleichzeitig.
Ich fange etwas an, sehe auf dem Weg dorthin noch etwas anderes, das ich unbedingt erledigen könnte, vergesse auf halber Strecke, was ich ursprünglich wollte, und währenddessen läuft im Kopf schon die nächste Gedankenschleife. Mehr machen. Schneller machen. Noch schnell das. Ach, und das könnte ich auch noch.
Das Perfide daran: Ausgerechnet in einem Zustand, in dem mein Körper eigentlich weniger gebrauchen könnte, entsteht bei mir manchmal dieser Drang nach mehr. Mehr Aktivität. Mehr Gedanken. Mehr Bewegung. Mehr Reize. Vata: „Wir brauchen Ruhe.“ Ich: „Verstanden. Ich erledige nur noch schnell diese sechs Sachen.“
Theoretisch weiß ich also ziemlich genau, wann mein Vata anfängt, die PEM-Party zu übernehmen. In der Praxis sitze ich trotzdem manchmal da und denke: Warum zur Hölle bin ich jetzt so unruhig? Warum friere ich plötzlich? Warum kann ich keinen klaren Gedanken mehr fassen? Und warum habe ich gleichzeitig das dringende Bedürfnis, noch fünf Dinge zu erledigen?
Vielleicht kennst du solche Momente ja auch. Nicht unbedingt mit genau meinen Symptomen. Dein Körper hat vermutlich sein eigenes Repertoire. Aber vielleicht kennst du dieses Gefühl, dass sich plötzlich mehrere Kleinigkeiten gleichzeitig verändern und du nur merkst: Irgendwas kippt hier gerade gewaltig in die falsche Richtung.
Und genau an diesem Punkt sind Ayurveda und Pacing für mich ein Perfect Match. Warum?
Weil Ayurveda mir hilft, aus einzelnen Körpersignalen ein Muster zu erkennen, bevor ich sie alle einzeln als „wird schon nichts sein“ abhefte und weitermache.
Natürlich schmeiße ich nicht bei jedem kleinsten Frösteln sofort meine innere Vata-Sirene an. ACHTUNG! MIR IST KALT! SOFORT ALLES Canceln! Nur noch Sofa. So funktioniert Ayurveda für mich nicht. Ich achte immer auf das Gesamtbild.
Frieren plus Zittrigkeit plus innere Unruhe plus Gedankenkarussell plus dieses hektische „Ich muss noch schnell …“? Da kenne ich meinen Körper inzwischen gut genug, um zu wissen: Das sind nicht fünf nervige Einzelbaustellen. Das ist ein Muster. Und genau das macht beim Pacing für mich einen verdammt großen Unterschied.
Denn statt nur zu denken:„Scheiße, mir geht’s schlechter.“ kann ich durch Ayuveda einen Schritt weitergehen: „Okay. Dieses Muster kenne ich. Was braucht mein Körper jetzt und was sollte ich ihm besser nicht noch zusätzlich zumuten?“ Sondern: Okay. Ich kenne diesen Zustand. Was braucht mein Körper jetzt und was sollte ich tunlichst nicht noch oben draufpacken?
Und genau hier liegt für mich der Unterschied zwischen einem Symptom und einem Kompass. Wenn ich erkenne, dass mein Vata gerade hochschießt, weiß ich durch Ayurveda auch, in welche Richtung ich gegensteuern kann. Nicht noch schneller. Nicht noch fünf Dinge gleichzeitig. Nicht noch mehr Input, weil mein Kopf sowieso schon ungefähr 27 Tabs geöffnet hat. Sondern genau die andere Richtung: Ruhe. Wärme. Weniger Reize. Verlässlichkeit. Routine.
Je nachdem, was gerade möglich ist, etwas Warmes und für mich gut Verträgliches essen oder trinken. Dinge langsamer machen. Reize reduzieren. Und vor allem: nicht jedem Impuls folgen, der mir gerade erzählt, dass ich unbedingt noch schnell irgendetwas erledigen müsste.
Das klingt ziemlich unspektakulär. Ist es auch. Mein Vata hätte vermutlich lieber eine aufregendere Lösung. Genau deshalb bekommt es keine. Und nein: Eine warme Mahlzeit, eine Decke und weniger Reize zaubern eine bereits ausgelöste PEM natürlich nicht wieder weg. Wenn ich meine Belastungsgrenze überschritten habe, habe ich sie überschritten. Ich kann die Belastung nicht nachträglich mit einer warmen Suppe aus meinem Körper herauslöffeln. Aber ich kann aufhören, noch mehr von dem zu tun, was mein ohnehin schon aufgedrehtes System weiter aufdreht.
Und genau deshalb sage ich:
Ayurveda macht Pacing für mich leichter. Vor allem, weil ich nicht jedes Mal immer wieder bei null anfangen muss.
Ich muss nicht erst fünfmal über meine Baseline rauschen, um irgendwann festzustellen: Ah. War wohl doch zu viel. Und ich muss auch nicht jedes Körpersignal einzeln analysieren und per Trial and Error herausfinden, was jetzt eine gute Idee sein könnte. Aus einem diffusen: „Irgendwie geht es gerade bergab.“ wird: „Moment mal. Dieses Muster kenne ich.“
Und mit dem Muster kenne ich meistens auch die Richtung, in die ich jetzt gehen sollte. Bei hochschießendem Vata bedeutet das für mich eben nicht: noch schnell die E-Mail, noch die Küche, noch ein bisschen Laptop, weil es gerade irgendwie noch geht. Sondern eher: Tempo raus. Reize runter. Wärme. Ruhe. Routine.
Das erspart mir eine Menge Trial and Error und manchmal eben auch die eine oder andere unnötige Baselineüberschreitung.
PEM ist dadurch natürlich nicht plötzlich aus meinem Leben verschwunden. Aber sie hat für mich ein Stück von diesem völlig unberechenbaren Endgegner-Vibe verloren. Nicht jede Verschlechterung lässt sich verhindern. Nicht jedes Körpersignal lässt sich eindeutig lesen. Aber ich stehe auch nicht mehr jedes Mal davor und denke: „Was zur Hölle mache ich denn jetzt?“
Ich kenne meinen Körper. Ich kenne meine Muster. Und ich habe einen ziemlich gut gefüllten Ayurveda-Werkzeugkasten, aus dem ich je nach Situation etwas herausnehmen kann. Das macht für mich den Unterschied zwischen: „Ach komm, das geht noch.“ und: „Nein. Ich kenne das Spiel. Heute nicht.“
Vataesklation erkannt. Trial and Error oder Knieschuss heute ausnahmsweise mal nicht nötig.
Die Ursache ist nicht immer Vata. Wäre ja auch zu einfach gedacht. Vata ist bei mir zwar ziemlich häufig der übliche Verdächtige. Aber natürlich ist es nicht das einzige Dosha, das mir Hinweise geben kann. Manchmal kippt bei mir eher Pitta. Dann wird mir heiß, ich bekomme starken Durst, werde gereizt und meine Toleranzgrenze für Menschen, Geräusche und andere Zumutungen des Lebens sinkt rapide.
Und Kapha? Finde ich bei ME/CFS deutlich schwieriger auseinanderzuhalten. Schwere, Rückzug, Erschöpfung, keine Lust auf irgendwas – davon bringt ME/CFS schließlich selbst schon genug mit. Deshalb versuche ich auch gar nicht, jedes Symptom zwanghaft einem Dosha zuzuordnen. Entscheidend ist für mich das Muster.
Vielleicht denkst du jetzt: Interessant! Und was bringt mir das konkret für mein Pacing?
Muss ich jetzt einen Deep Dive in Ayurveda und die Doshas machen? Und wenn ich das gar nicht möchte? Wie kann ich trotzdem davon profitieren? Klare Antwort: Du musst dafür weder deine Dosha-Konstitution kennen noch einen Ayurveda-Grundkurs absolvieren. Vielleicht kannst du beim nächsten Mal, wenn du merkst, dass sich dein Zustand verändert, einfach etwas genauer hinschauen: Was verändert sich bei mir eigentlich gemeinsam?
Wird mir plötzlich kalt? Werden meine Gedanken schneller? Werde ich unruhig? Gereizt? Brauche ich mehr Rückzug? Vertrage ich Geräusche schlechter? Kommt dieses typische „Ich muss noch schnell …“? Nicht mit dem Ziel, hinter jedes Symptom sofort ein Dosha-Etikett zu kleben. Sondern um herauszufinden: Hat mein Körper vielleicht eine ganz eigene Kombination von Signalen, die immer wieder auftaucht, bevor ich merke: Okay, jetzt wird’s kritisch?
Super. Jetzt soll ich mich und meinen Körper also noch mehr beobachten?
Ich weiß. Klingt erst mal anstrengend. Als würde man sich bei ME/CFS nicht sowieso schon genug mit seinem Körper beschäftigen. War das gerade zu viel? Ist der Schwindel neu? Warum friere ich plötzlich? Kann ich noch duschen? War Duschen schon die heutige Großveranstaltung? Ist das jetzt PEM oder bin ich einfach nur müde? Und warum zum Teufel fühlt sich heute der Laptop anstrengender an als gestern der Haushalt?
Pacing allein kann schon nerven wie Sau. Ständig abwägen, einordnen, entscheiden. Und jetzt komme ich auch noch mit Ayurveda um die Ecke und sage: Schau doch mal genauer hin.Danke für nichts, Michaela. Aber genau deshalb benutze ich Ayurveda nicht, um mir noch eine weitere Aufgabe auf meine ohnehin schon viel zu lange ME/CFS-To-do-Liste zu schreiben.
Im Gegenteil. Ich möchte weniger rätseln müssen.
Ich sitze nicht da und analysiere bei jedem Symptom: Hmm, war das jetzt Vata? Vielleicht Pitta? Wo ist mein Dosha-Handbuch? Mit der Zeit habe ich meine Muster kennengelernt. Wenn bei mir Frieren, Unruhe, Gedankenkarussell und dieses hektische „Ich muss noch schnell …“ gemeinsam auftauchen, muss ich darüber nicht mehr lange nachdenken. Ich kenne das Spiel. Und ich weiß auch ungefähr, welche Richtung jetzt keine besonders brillante Idee wäre: noch mehr Tempo, noch mehr Reize, noch drei Sachen gleichzeitig.
Genau das ist für mich der Vorteil: Ayurveda macht aus Selbstbeobachtung nicht noch mehr Selbstbeobachtung. Es wird das ständige Rätselraten verkürzen.
Und bei einer Erkrankung, bei der man gefühlt schon genug Lebenszeit mit der Frage „Kann ich das heute oder kann ich das heute nicht?“ verbringt, nehme ich jede Abkürzung, die ich kriegen kann. Spannend wird Ayurveda dann, wenn du anfängst zu verstehen, warum bestimmte Dinge deinen aktuellen Zustand eher verstärken und andere eher ausgleichen. Und dafür braucht es tatsächlich ein bisschen Ayurveda-Wissen, aber ganz sicher kein Sanskrit-Studium und auch keinen perfekt ayurvedischen Tagesablauf.
Und bevor jetzt jemand denkt: Super, dann gibt’s nie wieder PEM … Schön wär’s.
Ich kann meinen Körper und seine Symptome und Signale heute wesentlich besser lesen als früher. Ich kenne viele meiner Muster. Ich weiß oft ziemlich genau, wann ich eigentlich auf die Bremse treten sollte.
Und trotzdem überschreite ich meine Baseline. Und trotzdem ist PEM ein sehr sensibles Thema für mich. Und manchmal kommt auch ein Crash um die Ecke.
Manchmal kommen die Signale zu spät. Manchmal ist die Belastung nicht vermeidbar. Manchmal entscheide ich mich ganz bewusst dafür, etwas zu tun, obwohl ich weiß, dass mein Körper dafür möglicherweise eine Rechnung schicken wird. Und manchmal denke ich tatsächlich, ich hätte alles ziemlich gut eingeschätzt und liege trotzdem daneben. Willkommen bei ME/CFS.
Ayurveda ist für mich kein PEM-Schutzschild. Und Körpersignale lesen zu können bedeutet nicht, dass ich meinen Körper plötzlich kontrollieren kann. Aber ich bin ihm weniger ausgeliefert. Nicht, weil ich jeden Crash verhindern könnte. Sondern weil ich häufiger verstehe, was gerade passiert, früher reagieren kann und nicht jedes Mal wieder bei null anfangen muss. PEM hat dadurch für mich ein bisschen von diesem Endgegner-Vibe verloren.
Besiegt ist der PEM-Endgegner deswegen leider noch lange nicht. Aber ich kann ihn etwas entspannter sehen. Und fühle mich mehr auf Augenhöhe.

Persönliche Botschaft:
Was ich dir gerne noch mitgeben möchte: Ich finde Pacing übrigens bis heute nicht toll. Wer möchte schon ständig mit seinem Körper darüber verhandeln, was heute geht und was leider wieder nicht?
Aber ich habe irgendwann gemerkt: Je besser ich meinen Körper verstehe, desto weniger muss ich mit ihm diskutieren. Und genau deshalb bin ich nach all den Jahren immer noch so ein Ayurveda-Fangirl. Ayurveda nimmt mir ME/CFS nicht ab. Es verhindert nicht jeden Crash. Aber es gibt mir einen Kompass, wenn mein Körper mal wieder sein ganz eigenes Programm fährt. Und ganz ehrlich: Bei diesem ganzen ME/CFS-Wahnsinn nehme ich jeden verdammten Kompass, den ich kriegen kann.

Wenn du jetzt denkst: Okay, das mit Vata, Pitta und Kapha klingt tatsächlich ziemlich spannend , aber bitte ohne Ayurveda-Studium, dann könnte Easy Ayurveda To Go etwas für dich sein.
Ich zeige dir Ayurveda so, wie ich ihn selbst am liebsten mag: alltagstauglich, undogmatisch und ohne 375 Regeln, die du ab morgen bitte alle befolgen sollst.
FAQ:
Kann Ayurveda mir helfen, PEM oder einen Crash zu verhindern?
Leider gibt es dafür auch mit Ayurveda keine Garantie. Auch bei mir. Ich kenne meine Körpersignale inzwischen ziemlich gut, überschreite aber auch manchmal unbewusst oder bewusst meine Baseline und PEM macht sich dann auch bei mir sehr deutlich bemerkbar. Passiert einfach. Aber ehrlich gesagt liegt der Nutzen von Ayurveda für mich woanders: Ich erkenne bestimmte Muster/Trigger schneller, kann meinen aktuellen Zustand besser einordnen und muss weniger durch Trial and Error herausfinden, was mir gerade helfen würde. PEM ist damit leider nicht weg, aber für mich ein kleines bisschen weniger Endgegner.
Muss ich ganz genau meinen Dosha-Typ kennen und verstehen, damit mir Ayurveda beim Pacing und allgemein im ME/CFS-Game etwas bringt?
Nein. Ich finde es viel spannender und effektiver, erst einmal zu beobachten, welche Muster dein eigener Körper immer wieder zeigt. Was verändert sich gemeinsam? Was tut dir in diesem Zustand gut? Was verschlechtert ihn eher? Das Wissen über Vata, Pitta und Kapha kann später noch mehr Verständnis und Skills liefern, aber du musst aber nicht erst deinen Konstitutionstypen mit allen Eigenschaften kennen, bevor du irgendetwas davon nutzen kannst und vor allem Benefits durch Ayurveda feststellen kannst und wirst.
Woran erkenne ich, ob ich gerade echte Energie habe oder nur im Adrenalinmodus bin?
Bei mir fühlt sich echte Energie eher ruhig an. Ich kann eine Sache machen, Pause machen und danach entscheiden, wie es weitergeht. Im Adrenalinmodus werde ich dagegen schneller, unruhiger und will plötzlich noch fünf Sachen gleichzeitig erledigen. Das ist mein persönliches Muster – deins kann anders aussehen. „Ich kann gerade noch“ ist deshalb für mich nicht automatisch dasselbe wie „Mein Körper kann sich das gerade leisten.“
Muss ich mich richtig in Ayurveda einarbeiten, damit mir das überhaupt etwas bringt?
Nein. Und gerade mit ME/CFS wäre „Bitte arbeite dich jetzt erst mal gründlich in Ayurveda ein“ vermutlich der denkbar schlechteste Tipp.
Du kannst dich dem Ayurvedalifestyle auch Stück für Stück annähern. Vielleicht liest du ein Buch, beschäftigst dich ein bisschen mit Vata, Pitta und Kapha oder fängst einfach an, einzelne Zusammenhänge bei dir zu beobachten. Du musst weder sämtliche Dosha-Eigenschaften auswendig kennen noch deinen kompletten Alltag ayurvedisch gestalten.
Ayurveda ist kein Alles-oder-nichts-Paket. Auch ein bisschen Wissen kann schon dazu führen, dass du deinen Körper plötzlich aus einer anderen Perspektive betrachtest und Zusammenhänge bemerkst, die dir vorher gar nicht aufgefallen sind. Und wenn du irgendwann Lust auf mehr bekommst: wunderbar. Wenn nicht, darfst du dir trotzdem genau das herauspicken, was für dich und deinen Alltag funktioniert.

