Und genau deshalb hat es so extrem lange gedauert, bis ich endlich aus dem Team Ungeduld aussteigen konnte. Und vor allem die Geduld als absoluten Gamechanger zu erkennen.

Wenn es einen Recovery-Wettbewerb gegeben hätte, wer am meisten gleichzeitig ausprobiert, hätte ich vermutlich einen Pokal gewonnen. Morgens Supplements. Mittags Ernährung optimieren. Nachmittags Nervensystem regulieren. Abends Recovery-Storys lesen. Und zwischendurch natürlich regelmäßig prüfen, ob ich schon gesund bin. Spoiler: War ich leider nicht.
Zu dieser Zeit war ich wirklich fest davon überzeugt, dass meine Recovery nur deshalb nicht schneller voranging, weil mir noch irgendein entscheidendes Puzzleteil fehlte. Irgendetwas spektakuläres. Eine Wundertherapie. Ein Spezialist vielleicht.
Auf die Idee, dass meine wichtigste Recoverystrategie ausgerechnet Geduld sein könnte, wäre ich im Leben nicht gekommen. Und wenn es jemand empfohlen hätte, wäre mein Gedanke gewesen: „Danke für den Tipp, aber das ist nichts für mich“. Ich will schnell raus aus dem ME/CFS-Game.
Und ich habe Geduld ungefähr so behandelt wie Brokkoli als Kind. Ich wusste, dass sie vermutlich gut für mich wäre. Ich hatte aber absolut keine Lust darauf. Also habe ich lieber versucht, meine Recovery mit noch mehr Recherche, noch mehr Plänen und noch mehr Optimierungsprojekten zu beschleunigen. Rückblickend war das wirklich sehr anstrengend und energieraubend. Für meinen Körper und mein Nervensystem. Der so wichtige Sicherheitsmodus der Nervensystems war eher selten am Start. Und während ich ständig nach dem nächsten Puzzleteil suchte, kam mein Körper kaum dazu, auf die bisherigen überhaupt zu reagieren. Vor allem konnte er nicht positiv reagieren. Kein Wunder.

Warum Geduld für mich immer eher wie eine ziemlich langweilige und schlechte Idee klang.
Ganz ehrlich? Nach mehreren Jahren ME/CFS hatte ich irgendwann einfach keinen Bock mehr. Keine Lust mehr auf Symptome. Keine Lust mehr immer nur in meiner Wohnung zu sein. Keine Lust mehr darauf, ständig überlegen zu müssen, ob für eine Aktivität heute genug Energie da ist. Keine Lust mehr darauf, immer nur auszuhalten. Irgendwann kommt man einfach dieser Punkt.
Dieser Punkt, wo man nur noch schreien will: „F…ck. Jetzt muss das aber mal aufhören.“
Vor allem, wenn man morgens aufwacht und feststellt, immer noch da. Die Symptome. Die Erschöpfung. Das Herzrasen. Die Einschränkungen. Alles noch genau wie gestern. Und wie vorgestern. Und wie letzte Woche. Wie schön. Und sind wir mal ganz ehrlich, Geduld fühlt sich in diesem Moment nicht nach einer coolen Recoverystrategie an. Geduld fühlt sich an wie eine ziemlich schlechte Idee. Also habe ich gemacht, was vermutlich viele von uns machen. Therapie gesucht. Podcast angehört. Google befragt. Neue Hoffnung gefunden. Plan gemacht. On fire. Abends dann – Tired but wired. Und am nächsten Morgen ging das Spiel von vorne los.
Rückblickend denke ich manchmal wirklich. Alter. Mein Nervensystem hatte wirklich absolut keine Chance.
Never give up? Ob das immer eine gute Idee war? Eher nicht. Aber Ungeduld ist bei ME/CFS so verdammt verlockend. Ungeduld fühlt sich auch erstmal ziemlich produktiv und stimmig an. Yes, ich nehme meine Recovery selbst in die Hand. Ich bin motiviert. Ich lasse mich nicht einfach hängen.
Wenn ich einen neuen Podcast höre, habe ich das Gefühl, etwas für meine Recovery zu tun. Wenn ich einen neuen Ansatz entdecke, habe ich das Gefühl, voranzukommen. Wenn ich einen neuen Plan mache, fühlt sich das nach Hoffnung an. Geduld dagegen? Fühlt sich ungefähr so spannend an wie dem Gras beim Wachsen zuzusehen. Also habe ich gemacht, was vermutlich viele Menschen mit ME/CFS machen. Sobald ich irgendwo eine neue Idee entdeckt habe, war ich Feuer und Flamme. Das könnte es sein. Der fehlende Baustein. Der entscheidende Durchbruch.
Endlich etwas, das mich aus diesem Schlamassel wieder rausholt. Und ganz ehrlich? Für ein paar Stunden fühlte sich das meistens richtig gut an. Neue Hoffnung. Neue Energie. Neuer Plan. Blöd nur, dass mein Körper bei diesem Spiel irgendwann nicht mehr mitgespielt hat.
Ich wollte Lösungen. Mein Nervensystem wollte Sicherheit. Und das war defnitiv nicht verhandelbar.
Heute ist mir natürlich klar, dass das nicht funktionieren konnte und ich mir ständig ins Recovery-Knie geschossen habe. Damals dachte ich, mein Problem wäre, dass ich noch nicht die richtige Lösung gefunden hatte. Tatsächlich hatte ich ein ganz anderes Problem. Ich habe meinem Nervensystem nie die Chance gegeben, sich sicher zu fühlen. Kaum hatte ich eine neue Routine angefangen, wollte ich schon wissen, ob sie funktioniert. Kaum hatte ich einen kleinen Fortschritt bemerkt, wollte ich schon den nächsten haben.
Kaum hatte ich einen Plan, hatte ich schon wieder einen besseren. Mein Körper dagegen war eher Team: „Können wir bitte erstmal bei einer Sache bleiben?“ Und genau da liegt das Problem. Unser Nervensystem liebt Vorhersehbarkeit. Wiederholung. Sicherheit. Es liebt Dinge, die heute genauso aussehen wie gestern. Ich dagegen war lange eher Team: „Cool. Neue Idee. Lass uns sofort alles ändern.“ Rückblickend ist es eigentlich ziemlich logisch. Während ich ständig nach dem nächsten Durchbruch gesucht habe, war mein Nervensystem die ganze Zeit damit beschäftigt, hinterherzukommen. Manche Dinge brauchen eben einfach ein bisschen Zeit. Nicht weil wir etwas falsch machen. Sondern weil unser Körper nicht im Tempo unseres Kopfes arbeitet. Leider. Mein Nervensystem hat bis heute nie auf Expressversand umgestellt. Schade eigentlich.
Mein Körper war nicht zu langsam oder bockig. Ich war zu schnell. Und leider extrem ungeduldig.
Aus Ayurveda-Sicht ergibt das inzwischen übrigens ziemlich viel Sinn. Denn ich bin ein Vata-Pitta-Girl. Geduld hatte bei mir also ungefähr die gleichen Erfolgschancen wie ein Salat auf einer Kindergeburtstagsparty. Wenn mein Vata eine neue Recovery-Idee entdeckt hat, war die Sache praktisch beschlossen. Mein Pitta hatte bereits einen Umsetzungsplan. Und Kapha? Kapha wurde leider nicht konsultiert.
Während ich schon dabei war, alles zu bestellen, Routinen umzubauen und mein neues Leben zu planen, hätte Kapha vermutlich erstmal gefragt: „Willst du nicht vielleicht eine Nacht darüber schlafen?“ Oder: „Brauchst du das wirklich?“ Oder; „Morgen ist auch noch ein Tag.“
Rückblickend musste ich über mich selbst manchmal wirklich lachen. Ernährung umgestellt. Darmkur gestartet. Neue Routine eingeführt. Und eine Woche später genervt, weil ich immer noch nicht gesund war. Heute weiß ich, dass nicht nur mein Nervensystem von diesem Tempo überfordert war. Mein Vata-Dosha natürlich auch. Denn ständige Veränderungen, neue Routinen und immer wieder neue Projekte bringen nicht automatisch mehr Balance. Es passiert eher genau das Gegenteil. Deshalb bringe ich heute ganz bewusst etwas mehr Kapha in mein Leben. Regelmäßigkeit. Ruhe. Wiederholung. Also im Grunde alles, was mein Früheres Ich ungefähr so spannend fand wie Steuerformulare auszufüllen.
Vata wollte neue Ideen und Lösungen. Pitta wollte Ergebnisse und Erfolge. Kapha war leider nicht zum Meeting eingeladen.
Heute bedeutet Geduld für mich übrigens nicht, einfach nur abzuwarten. Geduld bedeutet nicht, auf dem Sofa zu sitzen und darauf zu hoffen, dass plötzlich alles besser wird. Das hätte mein Vata übrigens auch niemals mitgemacht.
Geduld bedeutet für mich heute etwas völlig anderes. Einer Sache genug Zeit zu geben. Nicht nach drei Tagen die Richtung zu wechseln. Nicht nach einer Woche alles wieder infrage zu stellen. Nicht sofort den nächsten Plan aus der Schublade zu ziehen. Sondern meinem Körper die Chance zu geben, überhaupt auf das zu reagieren, was ich bereits mache und umsetze. Das klingt ziemlich unspektakulär. Ist es auch. Aber genau das hat für mich den Unterschied gemacht. Denn mein Körper arbeitet nicht gegen mich. Er arbeitet nur in einem anderen Tempo als mein Vata-Pitta-Kopf.
Mein Körper hält auch heute von meiner Idee, mich selbst zu überholen immer noch eher wenig.

Persönliche Botschaft:
Wie du dir bestimmt denken kannst, ist Geduld bis heute nicht meine größte Stärke. Wahrscheinlich wird sie das auch nie werden. Wenn ich ehrlich bin, suche ich manchmal immer noch nach der besten und schnellsten Abkürzung. Möchte mich am liebsten immer selbst überholen. Mein Vata-Pitta offensichtlich auch. Aber inzwischen habe ich es verstanden. Nicht jeder Verbesserungswunsch braucht einen komplett neuen Plan. Manchmal braucht es einfach nur etwas mehr Zeit und natürlich Geduld. Oder ein paar kleine Anpassungen. Und genau das war die wichtigste Recoverystrategie, die ich nie ausprobieren wollte.


Kommt dir das bekannt vor? Du startest motiviert mit einem neuen Ansatz. Zwei Wochen später zweifelst du schon wieder. Nicht weil du etwas falsch machst. Sondern weil dein Kopf längst beim nächsten Plan angekommen ist. Genau deshalb begleite ich Menschen mit ME/CFS in Easy Ayurveda To Go etwas anders. Keine neuen 27-Punkte-Pläne. Kein Ayurvedastressmodus. Keine Ayurveda-Polizei. Sondern kleine Schritte, die zu deinem Körper passen und genug Zeit bekommen dürfen, um über-haupt ihre Wirkung zu zeigen. Denn meistens braucht dein Körper nicht die nächste Methode. Sondern einfach etwas mehr Zeit mit der aktuellen Methode. Trust me.
