Früher wollte ich immer alles richtig machen. Heute höre ich lieber auf meinen Körper.

Ich bin Ayurveda-Coach und esse fast jeden Tag Brot. Ich esse Rohkost. Sogar abends. Obst kombiniere ich mit Cashewmus. Und wenn ich eingeladen bin, sage ich zu einem Aperol Spritz nicht automatisch nein. Vor ein paar Jahren hätte mich meine innere Ayurveda-Perfektionista dafür wahrscheinlich schief angesehen oder hart verurteilt. Heute sehe ich das etwas ent-spannter. Und zwar nicht trotz ME/CFS und Post Vac, sondern gerade deshalb. Denn meine größten Ayurveda-Fehler waren sicher nicht Brot, Rohkost oder ein Aperol Spritz. Mein größter Fehler war, Ayurveda-Regeln wichtiger zu nehmen als mein eigenes Körperfeedback.

Was habe ich genau falsch gemacht?
Es gab eine Zeit, da hätte ich vermutlich sogar einen Handstand auf dem Küchentisch gemacht, wenn mir jemand glaubhaft versichert hätte, dass dadurch mein ME/CFS verschwindet. Nicht, weil ich verrückt bin. Sondern weil chronisch krank sein irgendwann etwas mit dir macht. Du greifst irgendwann einfach nach jedem Strohhalm.
Und wenn du dann auch noch jahrelang extrem erschöpft bist, ständig irgendwelche beängstigenden Symptome hast, ist das auf Dauer echt nicht lustig. Vor allem aber auch das Gefühl zu haben, dass dein Körper eine Sprache spricht, die wirklich niemand versteht. Und genau in dieser Phase habe ich durch Zufall Ayurveda entdeckt. Ich weiß noch genau, wie sich das angefühlt hat. Spannend! Das ist ja interessant! Zum ersten Mal nach langer Zeit hatte ich nicht das Gefühl, dass mein Körper kaputt oder komplett verrückt ist.
Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass da jemand ein Übersetzungstool für dieses ganze Chaos hat. Plötzlich ergab vieles Sinn. Die Erschöpfung. Die Reizüberempfindlichkeit. Das Nervensystem im Überlebensmodus. Die Verdauungsbeschwerden. Die tausend Symptome, die scheinbar nichts miteinander zu tun hatten. Ich war sofort total fasziniert und geflasht.
Und auch sofort „on fire“. Yes, endlich die Lösung. „Das muss es sein.“ Nicht nur: „Das könnte vielleicht hilfreich sein.“ Nicht: „Das probiere ich jetzt einfach mal aus.“ Sondern: „Jetzt komme ich endlich aus dem ME/CFS-Drama raus“ Und genau da wurde es dann sehr schnell kompliziert und anstrengend. Erfolgsdruckmodus on. Weil ich Ayurveda nicht einfach nur spannend fand. Sondern weil ich so sehr wollte, dass es auf jeden Fall für mich funktioniert. Ich hätte so dringend ein Recovery-Erfolgserlebnis gebraucht. Endlich mal einen kleinen Hoffnungsschimmer. Nach so langer Zeit im ME/CFS-Game.
Also wurde ich zu einer echte Ayurveda-Streberin. Wenn irgendwo stand – „Alle Vatas besser warm essen.“ Dann stand ich in der Küche und kochte, obwohl ich absolut keine Energie mehr hatte. Mittags gekocht. Abends gekocht. Gefühlt hätte ich sogar Salat gekocht, wenn irgendjemand behauptet hätte, das beruhigt mein Nervensystem und holt mich aus diesem Drama raus.
Porridge zum Frühstück? Fand mein Ayurveda-Ich wirklich super. Mein echtes Ich eher so: „Warum bin ich nach dem Frühstück müder als davor?“ Kuhmilch? Eigentlich wusste ich längst, dass die Nummer zwischen uns nicht gut ausgeht. Heuschnupfen. Neurodermitis. Verdauungs-chaos. Wir hatten eine Vorgeschichte. Aber Ayurveda sagte Vata beruhigen. Also bekam die Kuhmilch noch eine zweite Chance. Und eine dritte. Und wahrscheinlich auch eine vierte. Weil ich ständig der Meinung war, dass ich es noch nicht richtig mache. Vielleicht brauche ich mehr Gewürze. Vielleicht nur warm trinken. Vielleicht längere Nahrungspausen. Vielleicht stärkeres Agni. Vielleicht noch ein Ayurveda-Buch. Vielleicht noch einen Ayurveda-Arzt.
Vielleicht noch einen Ayurveda-Arzt, der mir erklärt, warum der andere Ayurveda-Arzt unrecht hatte. Spoiler: Mein Körper hatte die Antwort die ganze Zeit längst geliefert. Ich war nur viel zu beschäftigt damit, auf alle anderen zu hören.
Ich wollte damals unbedingt das ultimative Ayurveda-Fangirl werden. 100 Prozent Ayurveda. 100 Prozent perfekter Ayurvedalifestyle. Keine Ausnahmen. Keine Diskussion.
Warum? Weil ich so verdammt verzweifelt war und endlich wollte, dass irgendetwas funktioniert. Und habe dabei etwas übersehen, was die ganze Zeit direkt vor meiner Nase lag. Ich saß dann also morgens in meiner Küche vor einer Schüssel Porridge. Natürlich mit Ghee. Natürlich mit Gewürzen. Natürlich mit Kuhmilch. Natürlich ayurvedisch korrekt. Vorher hatte ich brav mein heißes Wasser getrunken. Agni angeregt mit Ingwer, Zitronensaft und Salz. Ayurveda-Perfektionista im Endstadium. Blöd nur, dass mein Körper von diesem Plan so gar nicht begeistert war.
Schon während ich mein Porridge gegessen habe, wusste ich eigentlich, was gleich passieren würde. Foodkoma. Herzrasen. Das Gefühl, als hätte mein Körper beschlossen, heute wieder komplett am Rad zu drehen. Und trotzdem löffelte ich brav weiter. Weil ich damals einfach komplett überzeugt war, dass ich einfach noch nicht genug wusste. Noch ein Ayurveda-Buch. Noch ein Telefonat mit einem Ayurveda-Arzt. Noch ein Gewürz. Noch ein Trick für mein Agni. Irgendwo musste doch die fehlende Information versteckt sein.
Ich war so gestresst damals. Und hatte wirklich Angst. Denn Ayurveda war für mich gefühlt die letzte Rettung. Wenn ich das nicht hinbekomme, ist der Recovery-Zug für mich endgültig abgefahren. Nach mehreren Jahren im ME/CFS-Drama konnte ich einfach nicht mehr so weiter machen. Spaziergänge gingen nur in kleinsten Portionen. Im eigenen Bioladen arbeitete ich so gut ich konnte. Dazwischen lag ich immer wieder auf dem Sofa und versuchte, meinen Körper irgendwie zu beruhigen.
Nach Mahlzeiten bekam ich regelmäßig Herzrasen. Viele Symptome machten mir Angst. Und ich wollte doch einfach nur, dass dieser Wahnsinn endlich aufhört. Mehr Energie haben. Bitte, bitte endlich weniger Symptome. Ein bisschen mehr Ruhe im Körper. Und ganz ehrlich. Irgendwelche Benefits für den ganzen Aufwand wären auch langsam mal nett gewesen. Aber weil ich so verzweifelt war, habe ich mir die offensichtlichen Signale und Symptome immer wieder schöngeredet. Vielleicht eine Erstverschlimmerung. Vielleicht reduzierte sich gerade Vata. Vielleicht brauchte mein Körper einfach mehr Zeit.
Die Wahrheit wollte und konnte ich damals nicht hören. Weil ich einfach viel zu viel Angst hatte. Ich brauchte damals die Hoffnung, dass die Lösung irgendwo da draußen auf mich wartet. In einem Buch. Bei einem Ayurveda-Arzt. In der perfekten Morgenroutine. Alles war für ich irgendwie leichter als die Option, dass ich selbst lernen musste, meinem Körper wieder zuzuhören.
Ayurveda ist leider bzw. zum Glück kein Copy-Paste-Projekt. Die gleichen Regeln, die Person A helfen, können Person B komplett gegen die Wand fahren. Und genau das musste ich auf die harte Tour lernen.
Mein Wendepunkt kam ausgerechnet durch etwas, das ich eigentlich längst wusste. Kuhmilch. Bevor ich Ayurveda gefunden habe, hatte ich bereits einige Ernährungsexperimente hinter mir. Unter anderem eine Haarmineralanalyse-Diät. Damals hatte ich Kuhmilch weggelassen. Und plötzlich waren einige Symptome wie von Zauberhand verschwunden. Mein Heuschnupfen war plötzlich weg. Die Neurodermitis wurde besser. Meine Verdauung wurde besser. Gesichtsfarbe endlich nicht mehr wie ein Zombie. Eigentlich hätte mir das zu denken geben sollen. Tat es aber nicht. Ich hatte irgendwie einen Recovery-Tunnelblick bzw. Scheuklappen auf.
Danach kam dann Ayurveda. Und Ayurveda sagte: Kuhmilch beruhigt Vata. Also bekam die Kuhmilch ein Comeback. Spoiler: Sie hat sich darüber sehr gefreut. Mein Körper eher weniger. Irgendwann kam dann der Gedanke: Moment mal. Warum mache ich das eigentlich? Warum trinke ich etwas, von dem ich längst weiß, dass es mir nicht guttut? Nur weil es theoretisch gut für Vata sein soll? Das war das erste Mal, dass ich wirklich ins Grübeln kam. Vielleicht musste ich gar nicht noch perfekter werden. Vielleicht brauchte ich auch kein weiteres Ayurveda-Buch. Vielleicht hatte mein Körper die Antwort längst geliefert.
„Ganz ehrlich? Ich habe die Schnauze voll.“ Ayurveda ist auch wieder nur eine weitere Mogelpackung.
Und weißt du was? Ich hätte Ayurveda damals fast komplett wieder aus meinem Leben verbannt. Die Bücher. Die Gewürze. Das Porridge. Das ewige Agni-Anregen. Die ganze Ayurveda-Nummer. Am liebsten hätte ich alles in einen Karton gepackt und in die hinterste Ecke verbannt. Warum? Weil ich mir so viel Mühe gegeben hatte und es wieder nicht funktioniert hat. Keine Benefits. Mehr Aufwand. Mehr Stress. Mehr Frust. Und gefühlt genauso viele noch mehr Symptome wie vorher. Wer hat darauf nicht Lust? Ich nicht.
Also habe ich mich von der Vorstellung verabschiedet, dass ich Ayurveda nur dann erfolgreich anwenden kann, wenn ich jede Empfehlung perfekt umsetze. Ohne Fehler. Ohne Ausnahmen. Ohne eigene Meinung. Ich hatte Ayurveda wie eine Bedienungsanleitung gesehen. Schritt 1 bis 10 befolgen. Ergebnis: Gesundheit – Ende des ME/CFS-Dramas.
Blöd nur, dass mein Körper dieses Memo offenbar nie bekommen hatte. Aber zum Glück startete dann mein eigentlicher Ayurveda-Weg und mein Ayurvedafangirlmodus.
Heute würde ich meinem damaligen Ich am liebsten zurufen. „Michaela, leg das Ayurveda-Buch kurz weg.“ „Nein. Auch das andere.“ „Und jetzt erzähl mir mal ganz ehrlich: Wie geht es dir eigentlich mit der Kuhmilch?“ Die Antwort kannte ich längst. Ich wollte sie nur nicht hören. Aber irgendwann ist dann der Groschen gefallen. Natürlich nicht sofort. Mit etwas Widerstand. Und eher etwas langsam. Widerwillig. Mit etwas Augenrollen. WTF! Mein Körper hatte die ganze Zeit recht.
Die Kuhmilch war nicht plötzlich verträglich geworden, nur weil sie auf irgendeiner Ayurveda-Liste stand. Das Porridge zog mir immer noch gefühlt den Stecker. Ghee verursachte immer noch Brechreiz. Und das viele gekochte Essen lag mir immer noch wie ein Ziegelstein im Magen. Die richtige Frage war also nicht nur – „Was empfiehlt Ayurveda?“ Die viel spannendere und wichtigere Frage war – „Was, wenn mein Körper die ganze Zeit recht hatte?“ Autsch.
Die Frage hat gesessen. Und dann habe ich es endlich kapiert. Nicht Ayurveda war das Problem. War es natürlich nie. Ich hatte Ayurveda einfach nur komplett falsch verstanden. Ich dachte die ganze Zeit, Ayurveda wäre eine Bedienungsanleitung. Dabei war Ayurveda eigentlich ein geniales Übersetzungstool für meine Symptome und Körpersignale.
Rückblickend war das der Moment, in dem aus der Ayurveda-Perfektionista endlich ein echtes Ayurveda-Fangirl wurde. Denn plötzlich ging es nicht mehr darum, Regeln perfekt umzusetzen. Sondern darum, meinen Körper besser zu verstehen.
Reminder an mich – Es gibt keine Ayurveda-Polizei.
Was hat sich dadurch verändert? Warum ignoriere ich heute ganz entspannt so manche Ayurveda-Regeln? Ganz einfach, weil ich es kann und es mir gut damit geht. Heute esse ich übrigens immer noch sehr gerne Brot. Auch ungetoastet. Und fast jeden Tag. Glutenfreies Brot. Aber trotzdem. Rohkost esse ich auch. Sogar abends. Und nein. Ich sitze danach nicht mit einer Vata-Krise in der Ecke.
Obst mit Cashewmus? Mache ich. Ölziehen? Nein. Zunge schaben? Auch nein.
Und wenn ich eingeladen bin, gibt es manchmal sogar glutenfreie Pizza und einen Aperol Spritz mit Eiswürfeln. Ich weiß. Meine frühere Ayurveda-Perfektionista braucht jetzt vermutlich kurz einen Moment.
Was sich für mich verändert hat? Ich frage heute nicht mehr, was darf oder sollte ich als Vata-Pitta-Girl mit Vata-Agni essen. Sondern nur noch: „Wie geht es mir damit?“ und auch „Was möchte ich essen“ Das spart erstaunlich viele Diskussionen. Vor allem die mit mir selbst. Und genau deshalb liebe ich Ayurveda heute mehr als damals. Nicht weil ich jetzt endlich gelernt habe, alle Regeln perfekt umzusetzen. Sondern weil ich verstanden habe, worum es eigentlich geht.
Ayurveda ist mein Symptomkompass. Aber eben Nicht mein Chef.

Persönliche Botschaft:
Heute fällt es mir übrigens viel leichter, Ayurveda-Regeln zu ignorieren als damals. Es fühlt sich auch überhaupt nicht mehr illegal an. Und das, obwohl ich inzwischen selbst Ayurveda-Coach bin und mehrere Ayurveda-Ausbildungen gemacht habe. Eigentlich müsste ich doch heute noch viel mehr Regeln befolgen als früher. Ist aber nicht so. Heute vertraue ich meinem Körper mehr als jeder Liste. Mehr als jedem Ernährungstrend. Und manchmal sogar mehr als irgendeiner Ayurveda-Empfehlung.
Nicht weil Ayurveda keine Ahnung hat. Sondern weil ich Ayurveda damals komplett falsch verstanden hatte. Ich dachte, Ayurveda funktioniert nach dem Prinzip: Vatastörung erkannt. Vata reduzieren. Problem gelöst. Copy. Paste. Fertig. Heute sehe ich Ayurveda völlig anders. Ayurveda sagt mir nicht, was ich essen soll. Ayurveda hilft mir zu verstehen, wie mein Körper tickt. Was mir Energie gibt. Was mich triggert. Was mir guttut. Und was mein Körper ungefähr so gut findet wie ich Steuererklärungen.
Die Doshas helfen mir bei der Einordnung. Das Verdauungs-feuer habe ich im Hinterkopf. Ama auch. Aber das läuft inzwischen eher wie ein Hintergrundprogramm. Entspannt. Ohne Ayurveda-Strebermodus. Und genau deshalb funktioniert Ayurveda für mich heute besser als jemals zuvor. Nicht weil ich jede Regel befolge. Sondern weil ich verstanden habe, welche Regeln für mich sinnvoll sind. Denn die beste Ernährung ist nicht die Ernährung, die perfekt auf dem Papier aussieht. Sondern die Ernährung, die deinem Körper tatsächlich guttut. Vielleicht liebe ich Ayurveda heute genau deshalb mehr als damals. Weil ich endlich aufgehört habe, Ayurveda perfekt machen zu wollen. Heute peile ich keine 100 Prozent mehr an. 80 Prozent tun meinem Körper gut. Die restlichen 20 Prozent erinnern mich daran, dass ich auch noch ein Mensch bin und Spaß haben möchte.

Ayurveda klingt spannend? Aber ganz ehrlich, du hast weder Energie noch Nerven für noch mehr Regeln, Listen etc. Oder?
Verstehe ich total. Und genau deshalb vermittle ich Ayurveda heute komplett anders als die Ayurveda-Perfektionista von damals. Ohne Recovery-Stress. Ohne Ernährungspolizeimodus. Ohne das Gefühl, ständig etwas falsch zu machen. Sondern als genialen Symptomkompass für einen Körper, der manchmal macht, was er will und öfter mal streikt.

