
Achtung! Dieser Artikel ist kein Recovery-Plan. Keine Anleitung. Keine Recovery-Erfolgsgeschichte mit Garantie auf ein Happy End.
Es sind einfach sehr wichtige Learnings von mir persönlich, die ich mir zu Beginn meines ME/CFS-Weges verzweifelt gewünscht hätte zu wissen, weil sie mir Jahre im Kampfmodus, im Selbstzweifelmodus und im permanenten „Ich muss noch mehr machen“-Stress erspart hätten. Und negativen Selftalk natürlich auch.
Wenn du auch inzwischen müde und genervt bist vom Suchen, Vergleichen und Funktionieren, dann lies bitte unbedingt weiter.
Es gibt keinen 08/15-Recovery-Weg bei ME/CFS der für alle funktioniert!
Am Anfang war ich zu 100 5 davon überzeugt:
Wenn ich nur die eine richtige Therapie finde, wird alles schnell wieder gut.
Das richtige Nahrungsergänzungsmittel. Das richtige Tool.
Homöopathie. Bachblütentherapie, Entgiftung, Darmreinigung, Haarmineralienanalyse, Vollblutanalyse, Colon-Hydro-Therapie, Sauerstofftherapie, Akupunktur, Biologische-Terrain Analyse nach Prof. Vincent, Vega-Test, Nosodentherapie, Rohkostdiät, F.X. Mayr-Kur, Fit for Life etc.
Irgendwas davon muss doch endlich mal auch für mich funktionieren.
Also habe ich ohne Rücksicht auf Energieverluste und Nervensystemstress alles ausprobiert und umgesetzt. Wirklich alles. Und gemacht. Und noch mehr gemacht. Umgesetzt bis zur völligen Erschöpfung. Ohne Rücksicht auf meinen Körper. Ohne Rücksicht auf meine Intuition. Ohne Rücksicht auf mein Körper-feedback. Ohne Rücksicht auf meinen Energielevel. Ohne Rücksicht auf mein Nervensystem.
Ja, selbst dann, wenn sich etwas nicht stimmig oder sogar falsch angefühlt hat,
bin ich drangeblieben. Mit diesem inneren Druck und auch der Erwartung:
„Das muss doch jetzt endlich funktionieren.“
Spoiler: Tat es nicht. Und rückblickend ist das auch kein Wunder.
Der wirklich positive Wendepunkt für mich kam erst sehr viel später. Nach 2 Jahren Indoor-Leben und vielen Enttäuschungen und inneren Kämpfen. Verurteilung meines Körpers und Widerstand gegen ME/CFS. Mein absoluter Game-Changer Ayurveda kam nicht sofort als Rettungsanker in mein Leben. Aber mit Ayurveda und dem Verständnis der Doshas und der 5 Elemente konnte ich zum ersten Mal ganz anders mit meinen Symptomen und meine Körper umgehen.
Zum ersten Mal wurde mir durch Ayurveda klar und ich habe den Gedanken zugelassen: Es geht nicht darum, welche Diagnose ich habe, sondern darum, was in meinem System gerade aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Ayurveda war hier mein Körpersignale-Übersetzungstool. Anfangs ganz easy praktiziert. Na ja, stimmt nicht so ganz. Ich habe es im Perfektionistamodus umgesetzt. Hat natürlich nicht funktioniert. Ayurveda-Bootcamp ging leider nach hinten los. Ich habe mich also erstmal leider weiter gestresst. Bis nichts mehr ging. Und dann bin ich bei den bei den einfachen Ayurveda-Prinzipien gelandet, wie z. B.: Gleiches verstärkt Gleiches. Gegensätzliches gleicht aus.
Und siehe da: Ich hatte eine extreme Vatastörung. Darum haben mich manche Dinge eher hochgefahren als stabilisiert. Darum hat mein Körper auf Kälte, Rohkost oder zu viel Reize nicht mit Heilung, sondern mit Alarm und Widerstand reagiert.
Und zum ersten Mal in meiner Recoveryjourney ging es nicht mehr um „richtig oder falsch“, sondern um Balance und darum, meinem überforderten System endlich das zu geben, was es gerade wirklich gebraucht hat.
Und plötzlich ergab vieles Sinn:
Warum mein System immer wieder eskalierte.
Warum ich das Gefühl hatte, ich mache „alles richtig“
und trotzdem geht es mir schlechter.
Viele der Dinge, die ich voller Hoffnung ausprobiert hatte, waren für mein Vata schlicht und ergreifend extrem triggernd.
In den 90ern konnte ich mich auch nicht einmal mit anderen Betroffenen vergleichen. ME/CFS war zu dieser Zeit kaum bekannt.
Es gab keine Recovery-Stories, keine Videos, keine Communities.
Ich habe mich nur mit Gesunden verglichen und war dann die, die immer müde war, keine richtige Diagnose hatte und irgendwie nicht mehr richtig „funktionierte“.
Das hat mein Selbstwertgefühl ziemlich zuverlässig in den Keller geschickt.
Ayurveda war mein erster richtiger Strohhalm.
Nicht, weil es mir sofort die perfekten Lösungen geliefert hat,
sondern weil ich zum ersten Mal Verständnis gefunden habe.
Für mich. Für meinen Körper. Für meine Symptome. Für eine gemeinsame Ursache. Endlich kein Gaslighting mehr.
Was ich mir damals so sehr gewünscht hätte zu wissen: Es gibt nicht den einen richtigen Weg bei ME/CFS. Und schon gar keinen, der für alle funktioniert.
Was mir das erspart hätte?
Unfassbar viel Druck. Unfassbar viel Verzweiflung.
Unzählige Umwege. Und die Vorstellung, mein Körper sei defekt
oder ich einfach „nicht diszipliniert genug“ oder zu doof.
Mein Learning: Es gibt nur einen stimmigen Recovery-Weg. Und der ist nicht der von anderen. Sondern deiner.
Learning: Ohne ein reguliertes Nerven-system wirkt nichts. No way! Egal wie gut die Therapie ist und wie perfekt sie umsetzt wird.
Lange Zeit dachte ich wirklich, ich mache einfach etwas falsch. Ich bin selbst schuld an meinem Zustand. Oder es ist nicht das Richtige. Oder ich setze es einfach nicht perfekt genug um. Also: noch mehr machen. Noch genauer. Noch konsequenter.
Das Thema Nervensystem war damals für mich kein Thema und eher unbekannt. Ich dachte, wenn etwas nicht hilft, dann habe ich einfach noch nicht an den richtigen Stellschrauben gedreht.
Durch Ayurveda habe ich erst in der Tiefe verstanden, dass vor allem das Vata (Nervensystem) durch zu viele Impulse komplett aus dem Gleichgewicht geraten kann und wird.
Und genau das habe ich gemacht. Ich habe überall gleichzeitig optimiert.
Ernährung. Routinen. Therapien. Hoffnung. Umsetzung.
Dieses ständige „Vielleicht hilft das ja jetzt“
gefolgt von „Mist, schon wieder ein Crash“.
Rückblickend war das ein perfektes Rezept für ein dauerhaft überreiztes Nervensystem. Ein Stressjackpot.
Das Tragische daran: Mir war damals nicht klar, dass nicht nur körperliche Belastung crasht. Sondern auch mentale.
Denken. Grübeln. Recherchieren. Gespräche. Hoffen. Enttäuscht sein.
Alles kostete Energie. Alles ist enormer Stress für ein System, das eigentlich längst im Energiesparmodus hätte laufen müssen.
Irgendwann war mein Nervensystem so aus dem Gleichgewicht, dass selbst Wasser trinken Herzrasen ausgelöst hat. Kein Witz. Ein Schluck Wasser – und mein Körper dachte offenbar: Gefahr erkannt. Alarmstufe Rot.
Die Symptome waren eindeutig: innere Unruhe, Zittern, Herzrasen, Frösteln, Schwindel. Dieses klassische tired but wired. Zu erschöpft zum Leben,
zu aufgedreht zum Ausruhen.
Den einen großen Aha-Moment gab es nicht. Es war eher ein inneres Aufgeben. Ein „Ich kann nicht mehr“. Ein „Dann bin ich halt krank“. Kein dramatisches Loslassen – eher Erschöpfung pur.
Und paradoxerweise war genau das der Wendepunkt.
Als ich aufgehört habe, mein Nervensystem ständig mit neuen Ideen, Hoffnungen und Umsetzungsplänen zu bombardieren, kam langsam etwas zurück: Meine Intuition.
Ich habe weniger gemacht. Meinem Körper mehr Zeit gelassen. Nicht mehr alles gleichzeitig ausprobiert und umgesetzt. Und plötzlich konnten Dinge und Therapien wirken, die vorher einfach verpufft waren.
Was mir dieses Wissen gleich zu Beginn erspart hätte:
Unfassbar viel Energieverlust. Verzweifelte Momente kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Arzttermine quer durch Deutschland.
Teure Klinikaufenthalte. Und unzählige tired but wired-Nächte.
Mein Learning:
Wenn man von heute auf morgen alles ändern will, kann sich das Nervensystem nicht sicher fühlen. Man landet im Dauer-Sympathikus.
Und Recovery ist aus diesem Zustand heraus schlicht unmöglich.
Learning: Recovery-FOMO: Oder wenn Hoffnung plötzlich Stress macht
„Ich kann doch jetzt nicht nichts tun und einfach abwarten.“
„Irgendwo muss doch die Lösung sein.“ „Ich habe Pläne. Ziele. Ich bin 23.
Ich verbringe doch nicht mein Leben auf dem Sofa.“
Das war meine innere toxische Dauerschleife.
Stillhalten kam für mich nicht infrage. Abwarten schon gar nicht.
Also suchte ich. Und suchte. Und suchte weiter.
Damals in den 1990ern gab es noch keine Instagram-Recovery-Erfolgsstories, keine YouTube-Videos mit „Ich bin wieder zu 100 % gesund“. Meine Recovery-FOMO sah anders aus.
Ich wohnte praktischerweise neben einer Gesundheitsbuchhandlung.
Und ja – ich habe sie regelmäßig leergekauft.
Ein Gesundheitsbuch nach dem anderen.
Naturheilverfahren. Ernährungskonzepte. Entgiftung. Heilmethoden.
Alles, was irgendwie nach „Das könnte es jetzt sein“ klang.
Nach jedem Buch hatte ich wieder Hoffnung. Und nach jeder Hoffnung den nächsten Plan.
Ich habe Dinge 1:1 umgesetzt, auch dann, wenn mein Körper sehr eindeutig „Nein“ gesagt hat.
Rohkost? Durchgezogen. Obwohl sie mir alles andere als gutgetan hat.
Ayurveda? Vataberuhigend wieder Kuhmilch getrunken, obwohl mein Heuschnupfen durch das Weglassen vorher verschwunden war.
Hauptsache, nichts verpassen. Hauptsache, nicht die eine Sache übersehen,
die mich vielleicht endlich gesund macht.
Rückblickend war das kein Mangel an Disziplin. Es war Hoffnung im Dauerstressmodus.
Heute sehe ich Recovery-Erfolgsstorys deutlich differenzierter.
Nicht abwertend. Nicht neidisch. Aber auch nicht mehr als Blaupause.
Denn nein, nicht jeder wird zu 100 % gesund. Und ja, das darf man auch sagen. Ich selbst liege nach Post-Vac irgendwo bei Bell 70. Und weißt du was? Das ist okay.
Nicht jede ME/CFS Diagnose hat dieselben Ursachen. Nicht dieselben Schwachstellen. Nicht die gleichen Ressourcen. Den gleichen Resilienz Level. Nicht dieselben Altlasten.
Und genau deshalb triggert diese „Von heute auf morgen gesund“-Erfolgsstory bei vielen vor allem eines: Ungeduld. Druck. Kontrollmodus. Und die Illusion, es müsse schnell gehen.
Was ich mir damals gewünscht hätte zu wissen: Die richtigen Dinge lassen sich nicht erzwingen. Sie finden dich, wenn dein System bereit ist.
Oder, etwas bodenständiger formuliert: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Und Recovery funktioniert durch Druck auch nicht besser.
Learning: Wenn sich „mir geht es besser“ plötzlich nach Fortschritt anfühlt – Spoiler: war oft nur Adrenalin
Es gab Momente, da dachte ich wirklich: Ahhh. Jetzt geht’s es endlich bergauf. Ich werde gesund und kann all den ganzen ME/CFS-Sch…. hinter mit lassen.
Zum Beispiel beim Umzug. Kisten schleppen. Mithelfen. Funktionieren.
Und zack, dieser Gedanke im Kopf: „Na bitte. Wahrscheinlich hatten sie alle recht.
Ich habe mich einfach zu sehr geschont.“
Oder im eigenen Bioladen. Rollis abladen. Regale einräumen.
Läuft doch! Siehst du Michaela, geht ja alles.
Urlaube waren auch so ein sensibles Thema. Wenn ich schon mal da bin, dann will ich auch was erleben. Ausflüge. Eindrücke. Normales Leben halt.
Und ja, kurzfristig ging das.
Ich fühlte mich euphorisch. Wie unter Strom. Fast schon… normal. Und so überraschend leistungsfähig. WTF!?
Und gleichzeitig kamen der innere Kritiker und der negative Selftalk um die Ecke.
„Dann kannst du ja sonst auch nicht so krank sein.“
„Dann stell dich halt nicht so an.“
„Dann war das ganze Ausruhen wohl doch übertrieben.“
Was ich damals nicht wusste – und mir unfassbar viel Stress erspart hätte:
Das war kein Fortschritt. Das war Adrenalin.
Adrenalin ist ein bisschen wie Kaffee auf Speed.
Es gaukelt dir Leistungsfähigkeit vor,
die dein Körper eigentlich gerade gar nicht hat.
Das unterschätze Problem daran: Am nächsten Tag war die Energie weg bzw. im Minusbereich. Oder ich crashte total. Oder beides.
Und dann dieses Gedankenchaos: „Aber gestern ging das doch noch?!“
Ich fühlte mich unglaubwürdig. Wie eine Hochstaplerin. Unzuverlässig. Unberechenbar. Als würde ich mir selbst widersprechen. Ausruhen war plötzlich illegal geworden. Ruhe fühlte sich wie Faulheit an.
Also machte ich das einzig Logische (ironischer Unterton):
Ich setzte mich noch mehr unter Druck. Und wollte mein neues Aktivitäts-Level weiter durchziehen. Hat ja gestern auch funktioniert.
Mit Willenskraft. Mit Zähne zusammenbeißen. Mit einem Nervensystem im Adrenalin-Junkie-Modus.
Was ich damals nicht verstanden habe: Ich habe mir Energie geliehen von einem Energiekonto, das schon sehr tief im Dispo war. Nicht aufgebaut. Im Gegenteil.
Was mir dieses Wissen damals erspart hätte: Schuldgefühle. Selbstverurteilung. Und dieses ewige „Ich müsste doch eigentlich…“.
Mein Learning: Das Leistungskonto dauerhaft zu überziehen ist keine Recovery-Strategie. Die Überziehungs-Zinsen sind einfach zu hoch.
Oder kurz gesagt:
Mit hohen Adrenalinspiegel fühlt es sich kurz wie Leben an, ist aber ein ziemlich zuverlässiger Weg, die echte Recovery zu sabotieren.

Zum Schluss noch eine persönliche Botschaft von mir an dich:
Falls du dich hier öfter gedacht hast: „Oh… erwischt“ – willkommen im Club. Dein Körper ist kein Endgegner, sondern eher ein sehr überforderter Projektmanager mit Burnout. Manchmal hilft es schon, ihm nicht ständig neue Aufgaben zuzuschieben.
